„Mutter Erde“
oder: Das Schöpfungsverständnis der indigenen Völker
„Die Vermessung der Welt“, so lautet ein Roman von Bestsellerautor Daniel Kehlmann. Darin beschreibt er die Expedition Alexander von Humboldts durch Südamerika. Der Titel spielt dabei auf die Art an, wie Humboldt auf die Welt zugeht: Er ist geradezu besessen davon, alles zu messen, zu notieren, zu katalogisieren und so dem menschlichen Verstand verfügbar zu machen. Damit erweist er sich als typischer Vertreter der europäischen Aufklärung. Diese wiederum fußt letztlich auf dem biblischen Schöpfungsverständnis. Dabei wurde das erste Kapitel des Buches Genesis oft in dem Sinne missverstanden, dass der Mensch als Krone der Schöpfung dazu aufgerufen sei, sich die Erde zu unterwerfen. Als Folge davon begann der westliche Mensch, sich den Planeten mit allen technisch zu Verfügung stehenden Mitteln nutzbar zu machen. Die rücksichtslose (agro)industrielle Ausbeutung der Ressourcen der Erde durch die angeblich „entwickelten“ Nationen hat dabei inzwischen ein Ausmaß erreicht, das global für viele, besonders für die Armen dieser Welt, zur Überlebensfrage wird.
Ganz anders gehen die indigenen Völker bis heute mit der Erde um. Die Quechuas und Aymaras in Bolivien bezeichnen sie bis heute liebevoll als Pachamama, als „Mutter“ Erde. Der darin zum Ausdruck kommende Respekt wird auch in unzähligen Riten des Alltags von den einfachen Campesinos bis heute praktiziert.

In der hier gezeigten Q´oa zum Beispiel bittet der Yatiri die Mutter Erde, Pachamama, um gutes Wachstum und eine reiche Ernte. Das Bewusstsein, dass wir Menschen alle von den Gaben der Mutter Erde abhängen, ist in den indigenen Völkern noch tief verwurzelt. Sie sehen sich als ein Teil und eben nicht als Krone der Schöpfung. Der Einzelne ist Teil der menschlichen Gemeinschaft und diese ist eingebunden in das Ganze der Natur und des Kosmos. Dabei hat jedes (Fehl-)Verhalten Einzelner immer auch Auswirkungen auf die umgebende menschliche Gemeinschaft sowie das Gesamt-System der Schöpfung.
Die Bolivianische Bischofskonferenz bemüht sich über das von ihr unterhaltene und aus Mitteln des Bistums Hildesheim mit finanzierte Secretariado de Culturas darum, den Schatz der indigenen Weisheit für die heutige pastorale Arbeit fruchtbar zu machen. Und auch wir in den westlichen Kulturen können von diesem vernetzten Denken viel lernen. Hätten wir prophetische Gestalten wie Hildegard von Bingen oder Franz von Assisi, die einen solch ganzheitlichen Ansatz auch in unserer Tradition vorgelebt haben, mehr vertraut, dann würde unsere Erde heute vielleicht ein Stück anders aussehen.
(Dietmar Müßig)
