Biodiversität und Ernährungssouveränität
oder: Wann sich Bolivien allein ernähren könnte
Bolivien gehört zu den Ländern auf der Erde mit der höchsten Vielfalt an Tier- und Pflanzenarten. In Jahrtausenden hat die indigene Bevölkerung Methoden für eine nachhaltige Landwirtschaft entwickelt. So ermöglichte ein ausgeklügeltes System von Terrassen an den steilen Abhängen der Anden den Anbau von Kartoffeln, Mais und Bohnen. Regenrückhaltebecken und kleine Kanäle sorgen nicht nur für die nötige Bewässerung in der Trockenzeit, sondern speichern auch die Energie der Sonne für die kalten Nächte. Von Generation zu Generation haben die indianischen Bauern das Wissen um den Anbau weitergegeben und so Pflanzen und Tiere gezüchtet, die den klimatischen Bedingungen in den unterschiedlichen Regionen das Landes angepasst ist.

Die hirseähnliche Quinua wächst noch auf Höhen von mehr als 4.000 m und ist so reich an Proteinen und anderen Nährstoffen, dass die NASA sie für die Nahrung ihrer Astronauten verwendet. Lamas und Alpakas liefern nicht nur Wolle und cholesterinfreies Fleisch, sondern können auch als Lasttiere in den unwegsamen Bergregionen verwendet werden.
Bis die spanischen Eroberer in Südamerika einfielen, ernährten die Inka durch ein differenziertes System von Landbau in unterschiedlichen Höhenregionen und einen gut organisierten Austausch der verschiedenen landwirtschaftlichen Güter die Bevölkerung in ihrem Riesen-Reich ohne Probleme. Diese potentielle Fähigkeit, die Ernährungssicherheit selbst zu gewährleisten, ist heute in Bolivien vielfach bedroht. So ist das Land auch aufgrund eines veränderten Konsumverhaltens auf den Import von Weizen und anderen Nahrungsmitteln angewiesen, während die traditionellen Lebensmittel oft vergessen sind. Holländische Kartoffeln kosten in den Supermärkten von La Paz teilweise weniger, als die vor Ort von den Campesinos angebauten. Damit unterlaufen die aus unseren Steuermitteln finanzierten Agrar-Subventionen der EU den Versuch, in Bolivien die kleinbäuerliche Landwirtschaft zu stärken. Dazu kommt, dass große, international operierende Agrar-und Pharma-Konzerne auch in Bolivien versuchen, sich die Rechte auf das genetische Material von traditionellen Pflanzen sichern zu lassen. Das im Interesse der reichen Industrieländer gestrickte internationale Abkommen zum Schutz geistiger Eigentumsrechte (TRIPS) kommt ihnen dabei zugute.
Im schlimmsten Fall können künftig die Campesinos in den Anden ihr Saatgut gar nicht mehr frei verwenden, ohne Lizenzen an ausländische Firmen zu bezahlen, die sich mittlerweile die Rechte darauf haben patentieren lassen. Ähnliche Formen dieser sog. „Gen-Piraterie“ sind im Hinblick auf den großen Fundus an Heil- und anderen Nutzpflanzen zu befürchten, über die Bolivien verfügt. Zwar sind nach der neuen Verfassung Boliviens die Einführung gentechnisch veränderter Organismen sowie die kommerzielle Nutzung von kollektivem Wissen über die heimische Biodiversität verboten. Aber wie so oft steht auch hier zu befürchten, dass diese Verbote durch Korruption und andere kriminelle Machenschaften unterlaufen werden. Umso wichtiger ist es für uns als Konsumenten in Europa, uns mit solchen Zusammenhängen auseinander zu setzen und unser Kaufverhalten so zu ändern, dass wir nicht am Ausverkauf der genetischen Ressourcen des Südens mit schuldig werden.
(Dietmar Müßig)
