Ökumenischer Kreuzweg 4. Station: Salzgitter-Lebenstedt, 14.03.2010

Am Klima-Kreuz: Arlit, Niger in Zentralafrika

In St. Johannes hatten wir die Ortstafel von Arlit im Niger an das Kreuz geheftet. In Arlit lagert unter dem Wüstensand das drittgrößte Uranvorkommen der Welt.

In drei Kratern kratzen rund 3000 Minenarbeiter Touareg und andere Nigrer radioaktives Erz aus der Sahel-Wüste. Allerdings nicht für afrikanische Atomkraftwerke - das einzige steht in Südafrika. Und auch nicht für Strom im Niger. 90% der Haushalte sind stromlos. Sondern für Frankreich, Deutschland, Kanada und Japan: ein Schulbeispiel globaler Ressourcen- und Arbeitsteilung.

Zwei Minen-Gesellschaften, eine im Tagebau und die andere in der größten Untertagmine der Welt holen seit 1970 Uranerz aus dem Boden um Arlit. Beide sind unter der Führung des staatlichen französischen Nuklearunternehmens Areva - ein Erbe aus der Kolonialzeit. Mit an Bord sind japanische spanische kanadische und deutsche Partner.

Die Unternehmen aus den Industrieländern bringen jedoch nicht breiten Wohlstand, sondern fortschreitende Verwüstung. Durch den Zuzug von arbeitsuchenden Menschen aus ganz Afrika ist aus Arlit eine Stadt mit 80 000 Menschen geworden, die meisten ohne Kanalisation und Strom. Brennholz gibt es in erreichbarer Nähe nicht mehr. Der Bestand an Wildtieren geht stark zurück, ebenso die Weideflächen.

Von den riesigen Abraumhalden, bisher fielen 500 Millionen t Schutt an, wehen radioaktive Stäube über das Land. Das fossile Grundwasser erschöpft sich infolge des enormen Wasserverbrauchs der Minen. Brunnen um Brunnen in der Umgebung trocknet aus. Das verbleibende Grundwasser ist laut einer französischen Nuklear-Watch Organisation mit Uran 238 und Radium 226 sowie mit Bergbau - Chemikalien verseucht.

Bei den Menschen treten Hautausschläge, Leukämien, Erkrankungen von Nieren und Lungen auf. Das von den beiden Minen Gesellschaften gegründete Krankenhaus von Arlit bestreitet jedoch jeglichen Zusammenhang mit dem Uranabbau. Bis jetzt gibt es keine unabhängige Untersuchung.

Zu allem Überfluss verwenden die Menschen in Arlit herrenlos gewordene Metallteile aus den Minen als Baumaterial für ihre Behausungen und als Kochgeschirr. Strahlende Kochtöpfe!

Um die Arbeits- und Umweltbedingungen zu verbessern begründete der Vizebürgermeister von Arlit eine Bürgerinitiative.

Von den rund 3000 Minenarbeitern sei nur noch 1/3 direkt bei den beiden ausländischen Konsortien beschäftigt. 2/3 wären in den letzten Jahren an Subkontraktoren ausgelagert worden. Areva zufolge ist das Verhältnis umgekehrt. Während die direkt Angestellten rund 236 € im Monat verdienen, erhalten die Beschäftigten der Subkontraktoren nur rund 66 € im Monat.

Diese Arbeiter tragen keine Schutzkleidung und haben keinen ausreichenden Anspruch auf medizinische Versorgung. Die Bürger-Initiative fordert bessere Arbeitsbedingungen in der Mine und die Gleichstellung der Subkontrahierten mit den direkt Angestellten.

Aufklärungskurse für Frauen und Jugendliche sollen über die Gefahren der Radioaktivität informieren und unabhängige Stellen den Gesundheitszustand von Arbeitern, Bevölkerung sowie das Trinkwasser untersuchen.

Der Vizebürgermeister von Arlit fordert endlich den vertraglich zugesicherten Gewinnsteueranteil von 15%, damit die Investitionen tatsächlich der Bevölkerung vor Ort zugute kommen und Entwicklung auslöse.

Dieses Ziel verfolgt auch der 2003 von der Menschenrechtskommission der Vereinten Nationen ausgearbeitete Normenkatalog für transnationale Konzerne. Er verpflichtet globale Investoren zur Einhaltung hoher Umwelt-, Sicherheits-, Gesundheits-, Arbeits- und Menschenrechtsstandards.

Zudem dürfen ausländische Investoren nicht länger von korrupten zentralen Regierungen profitieren. Wenn die Regierung in Arlit unabhängige Untersuchungen zu Gunsten von Unternehmen, hier Areva, unterbindet, gilt das Unternehmen als mitverantwortlich. Das bisherige Motto: wir machen das Geschäft. Was im Staat passiert, dafür können wir nichts, geht bei der UNO nicht mehr durch.

Konzerne haften auch für die Zulieferer und Subkontraktoren. Diese Normen von Verantwortlichkeiten von transnationalen Unternehmen wurde bisher allerdings nicht in gültiges Völkerrecht umgesetzt, der Widerstand globaler Unternehmensverbände ist groß.

Das ist die dunkle Seite der Globalisierung. Sie entzieht sich immer noch der völkerrechtlichen Kontrolle. Dies ist auch die Geschichte des traurigen Beginns der Kernbrennstoffe in entlegenen Weltteilen, die hier in der Asse ihr desaströses vorläufiges Ende gefunden hat.

Wir stehen hier mit dem Klimakreuz vor dem Eingang des Bundessamtes für Strahlenschutz. Es tut bei uns sein Bestes. Hätten doch auch die Menschen von Arlit einen solchen Anwalt zu ihrem Schutz.

Auswahl von Ansgar Holzknecht, Umweltbeauftragter des Bistums Hildesheim, aus Texten des Publizisten Christian Felber, Wien (Felber ist Mitbegründer von Attac)