Wir bieten unabhängige Informationen
Interview mit Carlos Nunez
Hildesheim. In den kommenden Wochen und Monaten wird die Bolivienpartnerschaft unseres Bistums unter die Lupe genommen: Sind die bestehenden Formen von Unterstützung und Zusammenarbeit nach 20 Jahren noch zeitgemäß oder muss es an der einen oder anderen Stelle Veränderungen geben? Dabei wird natürlich auch das Gespräch mit den bolivianischen Partnern gesucht, zum Beispiel auch mit der Stiftung Fundación Jubileo. Die Stiftung wurde im November 2003 von der Bolivianischen Bischofskonferenz und den Diözesen Hildesheim und Trier gegründet, ihr Direktor ist seitdem Juan Carlos Núñez.

Vor fast genau sechs Jahren wurde Fundación Jubileo gegründet – vor allem mit dem Ziel, Bolivianerinnen und Bolivianer so zu unterstützen, dass sie ihre politischen Rechte auch wahrnehmen können. Hat diese Idee Früchte getragen?
Seine Rechte im politischen Bereich wahrnehmen kann nur jemand, der auch gut informiert ist. Deshalb haben wir damit begonnen, uns bekannt zu machen und das Vertrauen der Menschen zu gewinnen, indem wir unabhängige und möglichst objektive Informationen veröffentlicht haben zu aktuellen politischen Themen. Wir haben zum Beispiel untersucht, was mit den von der Regierung ja deutlich erhöhten Steuereinnahmen aus dem Export von Erdgas und Erdöl geschieht. Oder wir machen Statistiken, in denen man nachsehen kann, wofür die Departaments-Regierungen – vergleichbar den deutschen Bundesländern – die öffentlichen Haushaltsmittel verwenden. Die Nachfrage nach solchen Informationen ist sehr groß. Die Journalisten reißen sie uns aus den Händen und auch die sozialen Organisationen und Bewegungen sind sehr daran interessiert.
Welche besonders beispielhaften Projekte wurden durch die Fundación Jubileo angeschoben? Wie haben sich diese Initiativen sich auf die politische Situation in Bolivien ausgewirkt?
Unsere Studie über die Einnahmen aus der Erdöl- und Erdgasförderung war Basis für den Dialog, der nach langem politischem Tauziehen zwischen National-Regierung und den Departaments-Verwaltungen zustande kam und bei dem man letztendlich auch zu einer Einigung kam. Dieser Dialog war von der Bischofskonferenz vermittelt und moderiert worden. Und wir haben dabei die Bischöfe technisch beraten.
Ein anderes Beispiel ist unsere Lektürehilfe zum besseren Verständnis des Staatshaushaltes. Die kam so gut an, dass wir eine zweite Edition machen konnten, und zwar in Zusammenarbeit mit dem Parlament. Auch die Abgeordneten hatten ein großes Interesse daran, die öffentliche Haushaltsführung besser nachvollziehen zu können. Solche Informations- und Bewusstseinsbildungsarbeit, davon bin ich überzeugt, wird eine nachhaltige Auswirkungen haben.
Wie wird Ihre Arbeit, die ja auch die Hintergründe von Politik durchsichtig macht, um Korruption und Misswirtschaft aufzudecken, von den Politikern des Landes bewertet? Als wichtige Hilfe für eine bessere politische Kultur oder als eine Art Nestbeschmutzung?
Vor kurzem haben wir eine Studie zur Ungleichheit der Lebens- und Einkommensverhältnisse in Bolivien gemacht. Um die Ergebnisse zu kommunizieren, haben wir Studientage abgehalten. Da gab es sogar Abteilungsleiter und Staatssekretäre aus unserem Planungsministerium, die daran teilgenommen haben. Das heißt nun nicht, dass wir auf Seiten der Regierung stehen. Auch die Opposition nutzt unsere Informationen für ihre Arbeit oder die sozialen Bewegungen. Wir stehen gewissermaßen „im Niemandsland“. Aber genau damit leisten wir einen wichtigen Beitrag für eine veränderte politische Kultur in unserem Land.
Wie beurteilen Sie die Zusammenarbeit zwischen der Fundación Jubileo und der Stiftung Justitia et Participatio im Bistum Hildesheim? Geht es lediglich um finanzielle Unterstützung, um die Projekte durchführen zu können, oder um mehr?
Die festen Mittel, die wir aus den Zinseinnahmen der Bolivien-Stiftung in Hildesheim erhalten, sind für uns ein Beitrag von strategischer Bedeutung. Warum? Weil wir sie als Eigenmittel geltend machen können, wenn wir bei anderen Institutionen wie Misereor oder der EU Gelder für unsere Projekte beantragen. Dazu kommt die Unterstützung in Form von politischer Lobbyarbeit, die wir von euch aus Hildesheim erhalten. Wer wenn nicht deutsche Bistümer konnten Druck auf die deutsche Regierung ausüben, damit sie Bolivien die Auslandsschulden erließ? Von dieser Art von Unterstützung würde ich mir sogar noch mehr wünschen. Zum Beispiel, wenn es darum geht, auf die Folgen des Klimawandels aufmerksam zu machen. Die treffen uns viel härter als Europa. Und dabei haben wir viel weniger Geld, um Schutzmaßnahmen wie den Bau von Dämmen gegen die zunehmenden Überschwemmungen zu finanzieren.
Stichwort Schuldenerlass: Gerade hier haben die bolivianische Kirche und die beiden deutschen Bistümer Trier und Hildesheim besondere politische Akzente gesetzt. Doch nach wie vor drückt eine große Schuldenlast Bolivien, nach wie vor ist es eines der ärmsten Länder der Welt. Wie kann hier weitere politische Bildungs-, aber auch Lobbyarbeit aussehen?
Unsere Auslandsschulden wurden um die Hälfte reduziert. Das ist schon etwas. Gleichzeitig müssen wir aufpassen, dass es nicht zu einer neuen Verschuldung kommt. Deshalb planen wir im Moment ein neues Projekt. Gemeinsam mit einer Kommission unseres dann neu gewählten Parlaments wollen wir im nächsten Jahr untersuchen, wofür Bolivien die im Ausland aufgenommenen Kredite verwendet hat. Dabei werden wir bis in die 70er Jahre zurückgehen und auch konkrete Verantwortlichkeiten benennen: Seitens unserer Regierungen, aber auch seitens der Geber. Unser Ziel ist dabei, dass künftig mit geliehenen Geldern sorgsamer umgegangen wird. Aber auch mit den normalen öffentlichen Haushaltsmitteln muss verantwortlich umgegangen werden. Dies geschieht aber nur, wenn Transparenz hergestellt wird und wenn Kontrolle möglich ist. Und dazu braucht es dann wiederum mündige Bürgerinnen und Bürger, die diese Kontrolle auch ausüben.
Interview: Rüdiger Wala. Erschienen in der Kirchenzeitung im Bistum Hildesheim vom 11.10.2009 (gekürzte Fassung).
