" … dann ist die Nacht vorbei”

"Gemeinsam unterwegs" - "Caminando juntos" steht als Leitwort über der weltkirchlichen Partnerschaft der Bistümer Hildesheim und Trier mit der Kirche Boliviens. Gemeinsam unterwegs: in einer globalisierten Welt. Gemeinsam unterwegs: in Deutschland und in einem Land, das in der Herzmitte Lateinamerikas liegt. Gemeinsam unterwegs: mit vielen Menschen unterschiedlicher Herkunft, verschiedener Sprachen und Kulturen. Gemeinsam unterwegs: über trennende Barrieren hinweg. Gemeinsam unterwegs: wohin? Welches Ziel vor Augen?

Die alte Geschichte der Chassidim gibt einen entscheidenden Hinweis auf die Fragen: Ein Rabbi fragte seine Schüler: "Wie erkennt man, dass die Nacht zu Ende geht und der Tag beginnt?" Die Schüler fragten: "Ist es vielleicht dann, wenn man einen Hund von einem Kalb unterscheiden kann?" "Nein", sagte der Rabbi. "Ist es dann, wenn man einen Feigenbaum von einem Mandelbaum unterscheiden kann?" "Nein", sagte der Rabbi. "Wann ist es dann?", fragten die Schüler. "Es ist dann", sagte der Rabbi, "wenn du in das Gesicht irgendeines Menschen blicken kannst und deine Schwester und deinen Bruder siehst. Bis dahin ist die Nacht noch bei uns."

Der letzte Satz des Rabbis klingt nach: "Bis dahin ist die Nacht noch bei uns." Die dunkle schwarze Nacht steht nicht nur sprichwörtlich für die Lebenserfahrung vieler Menschen im Partnerland Bolivien. Gualberto aus der Stadt El Alto weiß um den alltäglichen Überlebenskampf. Er ist Vater einer siebenköpfigen Familie. Vor zwei Monaten hat er seine Arbeit verloren. Seine Firma konnte wegen Dauerstreiks, Straßenblockaden und anhaltenden Konflikten im Mai 2005 die 53 Mitarbeiter nicht mehr weiter beschäftigen. Arbeitslosenhilfe seitens des Staates gibt es nicht. Das Schicksal der Arbeitslosigkeit teilen 40 Prozent der insgesamt 800 000 Einwohner zählenden Stadt El Alto. Die 19-jährige Maria-Eugenia aus dem kleinen Ort San Julián, im bolivianischen Tiefland gelegen, hat andere Sorgen. Mit 15 hat sie ihre erste Tochter auf die Welt gebracht, mit 17 bekam sie von einem anderen Vater ihr zweites Kind. Ohne Ehemann versucht sie nun ihre beiden Kinder zu erziehen. Alleinerziehende Frauen sind in Bolivien keine Seltenheit.

Einzelschicksale? Nein, es sind Lebensgeschichten von Menschen, die ich mit Namen kenne: "Wenn du das Gesicht irgendeines Menschen blicken kannst und deine Schwester und deinen Bruder siehst, dann ist die Nacht vorbei." Die Weisheit der Chassidim ist wegweisend für die "Hermandad", wie die Bolivianer die Freundschaftsinitiativen zwischen Bolivien und den deutschen Partnerdiözesen nennen. Das spanische Wort "Hermandad" lässt den tieferen Kontext erkennen. Denn: Es geht um einen Austausch zwischen konkreten Personen, Menschen aus Haut und Haar. Finanzielle oder technische Hilfeleistungen sind wichtig. Die Begegnung von Menschen, von "hermanos" - eben von "Schwestern und Brüdern" - ist jedoch die Grundlage der Partnerschaft. Die Begegnung macht aus fremden Menschen Freunde. Die Partnerschaft lebt vom Dialog von Menschen, die sich kennen, die sich mit ihrem Vornamen anreden, die gemeinsamen Weg auf den Weg gemacht haben.

Sollte ich die Partnerschaft in einem Bild wiedergeben, so fällt mir das Bild eines Netzes ein. Ein dicht gestricktes Netz aus menschlichen Beziehungen im ganzen Land Bolivien. In allen 18 bolivianischen Bistümern gibt es Partnerschaftsgruppen, die den Gedanken der Freundschaft mit den Ortskirchen von Trier und Hildesheim in ihre Diözese und ihre Heimatgemeinden weitertragen und die durch die vielfältigen Begegnungsreisen ihre je eigene Kontakte zu den Partnern in Deutschland aufgebaut haben. Kirche wird dabei erfahrbar als Beziehungskirche von Menschen unterschiedlicher Herkunft und konkretisiert in diesem Sinn exemplarisch einen Erfahrungsraum, der sowohl lokale und globale Verflechtungen kennt.

Michael Meyer (hinterste Reihe, 3. v. lks.) mit den Partnerschaftsbeauftragten der Diözesen Boliviens

Lokale Vernetzungen untereinander sind Voraussetzung für die Partnerschaftsarbeit. Erscheint doch das ferne Deutschland im Alltag oft sehr weit weg und sind die Herausforderungen vor der eigenen Haustür groß genug. Bei einem Treffen im vergangenen Jahr hat eine Gruppe von Partnerschaftsbeauftragten die Frage gestellt: "Bevor wir in einen Dialog mit unseren deutschen Freunden treten, wäre es da nicht angemessener, zuerst über unsere Gesprächskultur im eigenen Land und den Umgang der Bolivianer untereinander zu sprechen?" Hintergrund dieser berechtigten Frage ist nicht nur die geographische Teilung des Landes in Altiplano und das tropische Tiefland mit je eigenen Kultur- und Sprachenräumen, sondern die aktuelle Erdgasproblematik. Über drei Wochen dauerten die Konflikte im Mai und Juni 2005 an, als es um die Verabschiedung eines Gesetzes zum Erdgasexport ging. Die politische und soziale Situation war bis aufs äußerste gespannt. Nicht wenige haben einen Bürgerkrieg prognostiziert. Die Konflikte haben sich mit dem Rücktritt des Präsidenten vorerst gelegt, gelöst sind die Probleme aber noch lange nicht. Während die Regionen des Tieflandes mit großen Erdgasvorkommen einen raschen Export des Erdgases fordern und ihren finanziellen Vorteil für sich wittern, tritt die Mehrheit des bolivianischen Hochlandes für eine Verstaatlichung des kostbaren Rohstoffes ein. Hier sitzt das Wissen um über Jahrhunderte andauernde Ausbeutung des Landes noch viel zu tief. Der Riss innerhalb der Bevölkerung Boliviens geht quer durch das Land! So ist die Suche nach einem neuen gesellschaftlichen Miteinander eine der Herausforderungen, die sich auch der Partnerschaftsarbeit stellen. Und klar ist ebenso, dass der größte trennende Riss und die Ursache für die schwelenden Konflikte in der Gesellschaft die Ungleichheit zwischen Arm und Reich ist.

Die globalen Bezüge kommen dabei mit ins Spiel. Das Netz der Partnerschaft blickt da über die nationalen Grenzen und fragt nach internationaler Gerechtigkeit. Waren es in den letzten Jahren das gemeinsame Eintreten für einen Schuldenerlass Boliviens, so bestimmt momentan das Thema "Fairer Handel" die Partnerschaftsarbeit. Die weltkirchliche Partnerschaftsarbeit zwischen Bolivien und den deutschen Bistümern Hildesheim und Trier ist in diesem Sinn eine globale Brücke zwischen zwei unterschiedlichen Ländern. Es könnte ein Modell, zumindest aber eine Variante einer menschengerechteren Globalisierung sein, deren Diskussion nicht um wirtschaftlichen Profit oder die Auseinandersetzung um billige Produktionskräfte kreist, sondern die mitmenschliche Sorge füreinander und um den gemeinsamen Einsatz für Gerechtigkeit in den Vordergrund rückt. Wenn auch exemplarisch oder in mancher Hinsicht bescheiden, ist die Partnerschaft eine Manifestation eines globalen Beziehungsnetzes, welches globale Solidarität nicht nur behauptet, sondern durch gemeinsame Aktionen und den Einsatz vieler konkretisiert. Das gemeinsame Ziel lautet: "Wenn du das Gesicht irgendeines Menschen blicken kannst und deine Schwester und deinen Bruder siehst, dann ist die Nacht vorbei."

Michael Meyer, La Paz, Januar 2006