Leg deine Schuhe ab!

Bildmeditation zur Partnerschafts- und Gebetswoche 2007

Bild der bolivianischen Künstler Ejti


Ein loderndes Feuer steht im Mittelpunkt des Bildes der bolivianischen Künstlerin Ejti. Es glüht in der Mitte des Bildes, Funken sprühen. Die gelben und roten Farbtupfer deuten es an. Um das Feuer herum gruppieren sich Menschen: ein kleiner Junge, barfüßig. Neben ihm ein Mensch mit blonden Haaren und weiß gewandet, die Hände der wärmenden Feuerstelle entgegengestreckt. Im Zentrum ein laut singender Mann mit Gitarre. Seinen Kopf von den Händen gestützt schaut ein Jugendlicher träumend ins Feuer; hinter ihm eine Frau in der traditionellen Kleidung des bolivianischen Altiplano. Auf der rechten Seite sitzt in meditativer, anbetender Haltung ein in ein rotes Poncho gehüllter Vertreter des andinen Hochlandes. "Da wo es warm ist, da kommen die Menschen zusammen. In der Küche oder am Lagerfeuer ist doch am schönsten." sagt mir die Malerin Ejti aus der Stadt Santa Cruz. "Um das Feuer herum erzählen sich die Menschen ihre Geschichten, singen Lieder." Wer die Kälte im Andenhochland Boliviens kennen gelernt hat, weiß wovon Ejti spricht; weiß vor allem zu schätzen, wie wohltuend ein warmes Feuer in den kalten Nächten ist.

Auf den zweiten Blick ist da noch ein Detail des Bildes zu entdecken. Vor der Feuerstelle liegen ein paar Sandalen. Es könnten die typischen bolivianischen "Habarcas" sein, die Sandalen, die aus Gummi von Autoreifen hergestellt werden. Die linke Sandale steht so dicht am Feuer, dass sie fast schon verbrennt. Und die grünen Farbtupfer? Sie deuten schemenhaft einen Strauch oder einen Busch an. Ein Dornbusch, der verbrennt – und doch nicht verbrennt -, wie in der Exodusgeschichte. Mose möchte sich das Geschehen aus der Nähe anschauen, will dort hingehen und die außergewöhnliche Erscheinung ansehen (vgl. Ex 3,3). Das Interesse am Neuen, am Unbekannten und am Außergewöhnlichen sind Antriebskräfte. Das gilt vor allem da, wo sich noch unbekannte Menschen treffen. Interesse und Wertschätzung für den Anderen sind gefragt; nicht mehr Ich oder die mich umgebende Realität, sondern der Andere und seine Wirklichkeit stehen im Mittelpunkt. In der Bolivienpartnerschaft unsres Bistums sind wir schon seit 1960 an den Menschen und am Geschehen des Partnerlandes in Südamerika interessiert. Diese Woche ist in besonderer Weise Gebetswoche für den gemeinsamen Weg der bolivianischen Ortskirche mit den deutschen Diözesen Trier und Hildesheim.

Ein Schlüsselsatz aus der biblischen Mosegeschichte kommt zu den vielfältigen Begegnungen zwischen Bolivianern und Deutschen hinzu: "Leg deine Schuhe ab, denn der Ort wo du stehst, ist heiliger Boden!" (Ex 3,5). Die kleinen Sandalen vor der Feuerstelle des Bildes stellen das Zusammensein der Menschen und die Begegnungen innerhalb der Bolivienpartnerschaft in einen neuen Kontext. Leg deine Schuhe ab, denn sie verhindern den direkten Kontakt mit der Erde, die dich trägt. Leg deine Sportschuhe ab, denn mit ihnen bist du zu schnell und merkst nicht wie stachlig, steinig oder sandig der Boden unter dir sein kann. Leg deine Stiefel ab, denn nur so wirst du feinfühlig im Kontakt mit dem Anderen und wirkliches Sehen, Hören oder Ablegen von eingefleischten Vorurteilen ist dann möglich. Leg deine Wanderschuhe ab und halte inne, denn der Ort, wo du stehst, ist heiliger Boden! Gott begegnet dir in dieser Wirklichkeit, wo du jetzt stehst und lebst. Ejti, die bolivianische Künstlerin, malt in diese Gottesbegegnung die Begegnung Menschen unterschiedlicher Kulturen. Das Zusammensein an der Feuerstelle ist aus der Haltung des Respekts und der gegenseitigen Wertschätzung von Frauen und Männern, von Vertretern der andinen Lebenswelt und einem Europäer, von Alt und Jung und endlich von Arm und Reich möglich. Die Stimme Gottes aus dem Dornbusch gilt für alle. Es ist die Verheißung, die die lateinamerikanische Befreiungstheologie und das Handeln der bolivianischen Partner inmitten von schwierigen gesellschaftlichen Situationen inspiriert: "Ich habe das Elend meines Volkes in Ägypten gesehen, und ihre laute Klage über ihre Antreiber habe ich gehört. Ich kenne ihr Leid. Ich bin herabgestiegen, um sie der Hand der Ägypter zu entreißen und aus jenem Land hinaufzuführen in ein schönes, weites Land, in ein Land, in dem Milch und Honig fließen" (Ex 3,7).

Michael Meyer
Partnerschaftsbeauftragter
der Bistümer Trier und Hildesheim in der Bolivianischen Bischofskonferenz