Briefe von Pater Dominik Germeshausen O.P., Taiwan
(April 2005)
Seit Ostern sind schon wieder über zwei Wochen vergangen. Ich habe die Karwoche und dann das Fest - wie schon seit Jahren - in einem Dorf der Ureinwohner (Malaien) auf hohen Bergen in Mitteltaiwan gefeiert. Ich bin, wenn ich ein paar mal im Jahr dort Aushilfe mache, immer gern mit diesen Menschen zusammen, deren Lebensweise und Kultur mit den Chinesen nichts zu tun hat. Wie in fast allen Teilen der Welt, wo Ureinwohner leben, werden sie auch hierzulande von den später „Hinzugezogenen“ nicht sehr ernst genommen (Chinesen sind erst seit ca. 350 Jahren in größeren Zahlen von China nach Taiwan gekommen; jetzt leben in Taiwan etwa 300.000 Ureinwohner unter 23 Millionen). U.a. deshalb, weil diese Stämme in ihrer eigenen kulturellen Tradition keine Schrift haben (was einer der Gründe ist, weswegen sie von den Chinesen „weit unten“ angesiedelt werden), ist es bis heute schwierig zu wissen, wann, woher und warum sie hergekommen sind. Natürlich gibt es große Probleme für sie, in einer modernen Industriegesellschaft ihre Identität zu bewahren. Die Schulkinder sind gerade dabei, ihre Muttersprache zu verlernen und sprechen nur noch Chinesisch, wobei die Eltern noch in ihrer eigenen Sprache mit ihnen sprechen. Das ist natürlich alles sehr traurig und schade, aber dieser Prozess ist wohl nicht mehr aufzuhalten. Was die Sprache betrifft, so werde ich dabei an das Schicksal meiner eigenen Muttersprache, nämlich mein geliebtes Eichsfelder Plattdeutsch, erinnert - wie lange wird es wohl noch dauern, bis es niemand mehr sprechen kann? - Da diese Ureinwohner sehr religiös sind und gern miteinander feiern, so ist auch die Liturgie in der Kirche entsprechend lebendig mit vielen kräftig gesungenen Liedern, worüber ich mich selbst natürlich auch sehr freue. Dabei kommen nicht nur die Menschen in die Kirche, sondern auch die Hunde sind dann mit dabei, die am vielen Feiern und Singen offensichtlich ihre Freude haben. Da einige von denen mich mittlerweile als ihren Freund betrachten, kommen sie dann freundlich-schwanzwedelnd zu mir an den Altar und bleiben friedlich dort liegen, wobei ich mich manchmal frage, für wen die dort wohl beten ...
In den letzten Monaten gab es bei Euch in den Medien einige Berichte über neue Spannungen zwischen den Regierungen in Taiwan und in China, wobei sogar von militärischen Drohungen die Rede war. Ehrlich gesagt, regt sich hier niemand darüber auf, weder die Taiwanesen noch die Ausländer, und niemand denkt ernsthaft an die Möglichkeit eines Krieges, wobei ich auch persönlich davon ausgehe, dass alles friedlich bleiben wird. Für diese Annahme gibt es einen sehr handfesten Grund, der bislang alle drohenden Sprüche in den Schatten gestellt hat: Geld mach’s möglich! Schon seit Jahren sind die wirtschaftlichen Beziehungen äußerst intensiv, wobei beide Seiten kräftig davon profitieren, und das wird niemand so schnell aufgeben wollen. Somit wird sicher auch in Zukunft in den Beziehungen zwischen China und Taiwan Ideologie klein- und Geldbeutel großgeschrieben werden. Ich denke, in dieser Hinsicht kann man sich getrost auf die Klugheit und Pragmatik der Chinesen verlassen. Freilich - für den Krakeel und die großen Töne seitens Peking gegen eine „offizielle" politische Unabhängigkeit Taiwans - praktisch existiert sie ja ohnehin - gibt es sehr massive Gründe. Und zwar gibt es in China nicht nur bei der Regierung, sondern auch bei der Bevölkerung - das wurde mir auch von Katholiken, die der Regierung ja meistens recht kritisch gegenüberstehen, öfter klargemacht - eine große Angst vor möglichen Abspaltungen mit anschließenden Kriegen und bösen Unruhen, ähnlich wie im Bereich der früheren Sowjetunion. Und dafür gibt es nach meiner Einschätzung in der Tat Gründe, vor allem unter der muslimischen Bevölkerung in West-China (Xinjiang), die als sogen. Turkvölker ethnisch keine Chinesen sind. Natürlich ist die Regierung selbst in hohem Maße Schuld daran, u.a. wegen der ständigen Unterdrückung der Religion und der eigenen kulturellen Traditionen, sowie der Überfremdung der einheimischen Bevölkerung durch systematische Ansiedlung von Chinesen in deren Gebieten. Darum will die Regierung in Peking eine Unabhängigkeitserklärung Taiwans auf jeden Fall verhindern, weil sie davon üble Folgen für andere Regionen befürchtet, und es sieht eben alles danach aus, dass diejenigen, die in Taiwan das Sagen haben - also nicht unbedingt die Politiker -, diesen Schritt auch vermeiden werden. Darum gehen wir alle davon aus, dass es weiterhin friedlich bleibt.
Noch etwas zur Situation der Kirche in Taiwan und China nach dem Tod des Papstes. Da der Vatikan der einzige Staat in Europa ist, der mit Taiwan diplomatische Beziehungen unterhält, wurde auch die hiesige Regierung zur Teilnahme an den Trauerfeierlichkeiten eingeladen. Der Präsident ließ es sich nicht nehmen hinzufahren, und da nach den Lateran-Verträgen von 1929 der italienische Staat allen Ausländern, die vom Vatikan zu einem Besuch eingeladen werden, ein Visum erteilen muss, konnte daran auch die Verärgerung der Pekinger Regierung nichts ändern. Es ist jedoch gut möglich, dass die Freude in Taiwan über das willkommene "Ätsch, Ätsch" in Richtung Peking nicht lange dauern wird, denn wir rechnen hier mit der Möglichkeit, dass bald nach der Wahl des neuen Papstes auch die Frage der diplomatischen Beziehungen neu verhandelt wird. Ob dann ein Wechsel der Anerkennung seitens des Vatikans von Taiwan zu China eine Erleichterung für das Leben und die Aktivitäten der Kirche und der Katholiken in China mit sich bringen wird, bleibt zwar sehr zu hoffen, sei aber noch allemal dahingestellt. Indessen rechnen wir hierzulande für diesen Fall nicht mit großen Veränderungen für die Kirche, auch nicht für die Ausländer - hoffentlich!
Nun habe ich dieses mal hier viel über Politik etc. geschrieben. Da ich aber öfter danach gefragt werde, wollte ich auch mal etwas ausführlicher darüber erzählen. Außerdem könnt Ihr Euch sicher vorstellen, dass das alles mit meiner konkreten Situation und damit, wie weit ich mich hierzulande - oder in China - wohlfühle, sehr viel zu tun hat.
(Oktober 2000)
Wieder einmal war ich in einem Priesterseminar in China, diesmal in der Stadt Jilin in der sogenannten Mandschurei, zum Unterrichten. Es sind dort etwa dreißig Seminaristen, die alle zur betreffenden Diözese gehören, d.h. also, das Seminar ist für chinesische Verhältnisse „gut besucht“.
Wie in vielen kirchlichen Einrichtungen in China, so sind auch dort die Priester, die das Seminar leiten - also Rektor, Regens, Spiritual etc. - sehr jung: niemand ist älter als dreißig. Den Bischof der Diözese - ein rüstiger 75-jähriger, freundlicher Mann - konnte ich auch kennen lernen. Nachdem er vor ca. einem Jahr von kirchlichen Gremien der Diözese zum Bischof gewählt und dann geweiht worden war, hat er sehr bald vom Papst die offizielle Bestätigung und - als äußeres Zeichen dafür - Ring und Brustkreuz bekommen. Über diesen vergleichsweise reibungslosen Verlauf der Bischofsweihe, begleitet von einer gewissen Kompromissbereitschaft auf allen Seiten, sind auch alle sehr froh.
Bei einem Besuch mit den Seminaristen im großen Warenhaus wurde eine sehr schöne Jacke bestaunt - fast hatte ich Lust, sie zu kaufen, ließ es aber bleiben, als festgestellt wurde: irrsinnig teuer! Umgerechnet waren das etwa DM 40,--, was die Hälfte des Monatslohnes eines „kleinen“ Fabrikarbeiters ausmacht.
Von den Menschen dort sagt man, sie seinen ruhig, ehrlich und „geradeheraus“. Als Gast von auswärts bekommt man einen bemerkenswerten Vertrauensvorschuss. Lustig finde ich immer die Kommentare über die Deutschen, wenn ich zum erstenmal irgendwo in China mit den Leuten zusammen bin: die Deutschen seien großgewachsen, streng und humorlos. Ausgerechnet diese drei Merkmale treffen auf mich wenig bis gar nicht zu.
Im Frühjahr hatte ich zum ersten Mal, seitdem ich in China/Taiwan bin, Besuch aus Deutschland. Auch wenn hierzulande in den großen Städten Ausländer nicht mehr auffallen, so sind in anderen Orten drei „Langnasen“ auf einem Fleck doch noch einer kleiner Aufmerksamkeit wert. Dabei waren die Reaktionen der Leute ausnahmslos freundlich, und mit einem stolz hervorgekramten „Hallo, how are you“ wurden die gutgemeinten Annäherungsversuche begleitet (ich selber habe in den vergangenen Jahren weder in China noch in Taiwan die geringsten Zeichen von Ablehnung oder Aggression erlebt). Ich musste bei diesen guten Erfahrungen zusammen mit dem Besuch daran denken, was mancherorts in Deutschland passieren könnte, wenn drei Asiaten friedlich miteinander durch die Gegend spazieren ...
