Weihnachtsbrief 2011

 Hildesheim, im Advent 2011

 

Liebe Schwestern und Brüder,

ein Hoffnungszeichen ist es für mich, Ihnen in der Adventszeit wiederum zu schreiben. Als Freiwillige oder Freiwilliger, als Seelsorgerin oder Seelsorger arbeiten Sie an vielen Orten auf der Erde. Wenn ich nun an Sie denke, werden mir die weltumspannende Weite unseres Glaubens und unsere herzliche Verbundenheit in der großen Gemeinschaft der Kirche bewusst. Dafür danke ich Ihnen, wo immer Sie diesen Brief nun lesen mögen!

Aufbrüche haben dieses Jahr unser Bistum Hildesheim geprägt. Dabei denke ich zunächst an die Prozesse Lokaler Kirchenentwicklung, die in den Regionen, Dekanaten und Pfarrgemeinden im vergangenen Jahr begonnen worden sind. In meinem Hirtenwort zur Österlichen Bußzeit hatte ich dazu aufgerufen, den Blick auf die örtlichen Gegebenheiten zu richten und innerhalb der Regionen und zwischen den unterschiedlichen Ebenen des Bistums in einen Austausch über die jeweiligen Besonderheiten und Chancen einzutreten. Ziel ist es, die pastorale Situation vor Ort wahrzunehmen und weiterzuentwickeln.
Für das Gelingen der Lokalen Kirchenentwicklung erscheint es mir wesentlich zu sein, den Weg der Erneuerung als geistlichen Prozess zu gehen. Nicht das Entwickeln von Plänen, Konzepten und Programmen sollte im Vordergrund stehen, sondern das gemeinsame Bemühen, aufmerksam zu werden für den Geist Gottes. Tatsächlich nehme ich bei immer mehr Frauen und Männern wahr, dass bei ihnen das Bewusstsein dafür wächst, dass sie als Getaufte berufen sind, für das Leben ihrer Gemeinde Verantwortung zu übernehmen. Bei der Ausgestaltung der Lokalen Kirchenentwicklung leitet uns die Frage: „Welchen Weg führt uns Gott in die Zukunft?“

Vom Geist dieser gemeinsamen Verantwortung für das kirchliche Leben war auch der Auftakt des Dialog-Prozesses im Bistum Hildesheim geprägt. Am 3. Oktober 2011 hatte ich die Mitglieder des Priesterrates, des Diözesanrates der Katholiken und der Hauptabteilungsleiterkonferenz des Bischöflichen Generalvikariates zu einem Dialog-Tag eingeladen.
Die Beratungen waren offen und fruchtbar. Bestimmte Schwerpunktthemen sind deutlich geworden. Neben konkreten Fragen – etwa nach der sonntäglichen Gottesdienstfeier angesichts der geringer werdenden Zahl von Priestern oder nach dem überpfarrlichen Einsatz pastoraler Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter – wurden Themen benannt, die nicht einfach mit einer Entscheidung abgeschlossen werden können. Vor allem geht es hier um die Weitergabe des Glaubens, um eine verständliche Sprache der Glaubensverkündigung und um ein kraftvolles Zeugnis für das Evangelium. Auch die so genannten „heißen Themen“, etwa die Frage nach dem Zölibat oder der Rolle der Frau in der Kirche, wurden angesprochen und können in einem offenen Dialog-Prozess nicht übergangen werden.
Von den Teilnehmerinnen und Teilnehmern wurde der Wunsch formuliert, dass möglichst viele eingeladen werden sollen, sich am Dialog-Prozess zu beteiligen. Wir haben uns darauf verständigt, den Dialog-Prozess im kommenden Jahr mit dem „Hinhören“ zu beginnen.

Ein Wort von Papst Paul VI. hat uns durch den Dialog-Tag begleitet. Für mich ist es eine Kostbarkeit geworden, die mich weit über den konkreten Anlass hinaus berührt und die ich Ihnen gern weitergeben möchte. „Der Dialog ist nicht hochmütig, verletzend oder beleidigend. Seine Autorität wohnt ihm inne durch die Wahrheit, die er darlegt, durch die Liebe, die er ausstrahlt, durch das Beispiel, das er gibt.“ (Enzyklika Ecclesia Suam, Nr. 81.)

Nach diesem Wort sollte die Dialogbereitschaft ein Grundzug der Kirche sein. Es fordert dazu auf, den Menschen und der Gesellschaft gegenüber aufmerksamer Gesprächspartner zu sein. Für Sie, die Sie an den unterschiedlichsten Orten der Weltkirche arbeiten, ist dieser Gedanke wohl allzu selbstverständlich. Er bestimmt Ihre tägliche Arbeit. Nach meiner Überzeugung müssen wir in Europa diese Stärke der Kirche neu entdecken.

Wenn wir in diesem Jahr Weihnachten feiern, bleibt die Euro-Krise das beherrschende Thema der Nachrichten. Bei vielen Menschen ist die Unsicherheit auch über die eigene Zukunft größer geworden. Der Wohlstand, den wir in Europa gewohnt sind, erscheint immer weniger selbstverständlich. Nicht wenige werden mit dieser Ungewissheit in das neue Jahr gehen. Mit diesen Menschen müssen wir als Kirche den Dialog suchen – aufmerksam sein für ihre Sorgen und Ängste, als Partner das Gespräch mit ihnen suchen, ihnen helfend zur Seite stehen und ihnen von unserer Hoffnung erzählen. Das Weihnachtsfest verpflichtet uns dazu. Schließlich hat Gott selbst mit uns an Weihnachten den Dialog begonnen.

Schon heute freue ich mich auf das bevorstehende Jubiläumsjahr unserer Bolivienpartnerschaft. Im Sommer wird eine Gruppe aus dem Bistum zu den Feierlichkeiten nach Bolivien reisen. Unsere bolivianischen Freundinnen und Freunde und die Partner aus der Weltkirche werden dann im September in Hildesheim zu Gast sein, um auch hier zu feiern. Ich bin froh und dankbar, dass das Anliegen, als gleichberechtigte Partner miteinander unterwegs zu sein und voneinander zu lernen, mehr und mehr Gestalt gewinnt.

Als Papst Benedikt XVI. im September in Deutschland zu Gast gewesen ist, haben wir uns in einer großen Wallfahrt von Duderstadt aus auf den Weg ins Obereichsfeld nach Etzelsbach gemacht. 1.400 Pilgerinnen und Pilger, darunter viele Kinder und Jugendliche, waren bei strahlendem spätsommerlichen Sonnenschein gemeinsam unterwegs. Als ich mich bei einer kurzen Pause auf einem Hügel umwandte, staunte ich über die kaum enden wollende Schlange von Menschen, die sich hinaufwand zum Wallfahrtsort – ein großartiges Bild von Kirche: das pilgernde Gottesvolk.

In diesem Volk Gottes – auf dem Pilgerweg unserer Erde – weiß ich mich Ihnen verbunden. Zusammen mit unseren Weihbischöfen Dr. Nikolaus Schwerdtfeger, Heinz-Günter Bongartz und Hans-Georg Koitz, mit Generalvikar Dr. Werner Schreer und mit allen Mitgliedern des Domkapitels grüße ich Sie von Herzen. Mögen Sie sich an Weihnachten ansprechen lassen von der Liebe und Kraft des Mensch gewordenen Wortes Gottes!

 

+Norbert Trelle
Bischof von Hildesheim