Das Jahr 2017 als Christusfest feiern

Wie katholische und evangelische Christen 2017 gemeinsam 500 Jahre Reformation begehen können

„Martin Luther predigt den gekreuzigten Christus.“ Lucas Cranach, Reformations-Altar in der Stadtkirche von Wittenberg.

„Martin Luther predigt den gekreuzigten Christus.“ Lucas Cranach, Reformations-Altar in der Stadtkirche von Wittenberg.

Ein evangelisches Fest

Das Reformationsjubiläum ist ein evangelisches Fest, ist doch die Reformation im 16. Jahrhundert für die evangelischen Kirchen identitätsstiftend. Deswegen sind die meisten Gedenkveranstaltungen zwischen dem 31. Oktober 2016 und dem 31. Oktober 2017 in „evangelischer Hand“, zu denen allerdings auch die anderen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften eingeladen werden. Zum ersten Mal in der Geschichte hat dieses Gedenken eine ökumenische Dimension. 

So wird es eine Reihe gemeinsam verantworteter Veranstaltungen geben, wie z.B. ökumenische Gottesdienste, Begegnungen oder Bildungsseminare. In erster Linie will das Reformationsgedenken kein konfessionelles Fest, sondern vor allem ein Christusfest sein. Denn die Reformer des 16. Jahrhunderts in ganz Europa haben den Blick neu auf Jesus Christus gelenkt.

Als Ökumene-Kommission des Bistums Hildesheim stellt sich uns die Frage:

Wie können wir als katholische und evangelische Christen gemeinsam das Jahr 2017 als Christusfest begehen?

Dazu geben wir hier in katholischer Verantwortung und ökumenischer Verbundenheit einige Anregungen. Wir bitten, sie mit einem Vorschuss an Wohlwollen zu erwägen und mit Beherztheit nach Umsetzungsmöglichkeiten zu suchen.

In ökumenischer Gemeinsamkeit

Eine kleine Geschichte vorweg, die Kardinal Kurt Koch, der Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen, von der Freundschaft zwischen dem heiligen Franz und der heiligen Klara erzählt hat: Als die beiden „sich wieder einmal sehen wollten, trafen sie sich an einem Bach, freilich an verschiedenen Ufern. Da der Bach zu breit war, um ihn zu überqueren, kamen sie zu der Überzeugung, dass sie auf beiden Seiten zurückgehen sollten bis hin zur Quelle des Baches, auf die hin der Bach immer kleiner und enger wird. An der Quelle des Baches konnten sie sich problemlos begegnen und ihre geistliche Freundschaft feiern.“1

Diese Begebenheit könnte ein Bild für den ökumenischen Weg und insbesondere für das Begehen des 500. Jahrestages der Reformation sein. Um 2017 gemeinsam feiern zu können, müssen wir gleichsam an die Quelle zurückgehen, wo katholischer und evangelischer Glaube sich die Hand reichen. Dieser Punkt lässt sich tatsächlich finden.

Für die Entwicklung Martin Luthers war sein geistlicher Lehrer Johannes Staupitz überaus wichtig, der zeitlebens katholisch blieb und doch immer den späteren Reformator schätzte. Er wies Luther, der mit seinen Anfechtungen zu ihm kam, wiederholt auf Christus hin, der „nicht erschreckt, sondern tröstet.“ Wohl schon 1514 betont Luther dann, er predige nur noch Christus. In der ihm katholisch vermittelten Hinwendung zu Christus liegt die historische Wurzel seiner reformatorischen Neuorientierung, und von dieser Christusorientierung her erschließt er die Bibel.2

Hoch offiziell hat der Ratsvorsitzende der EKD, Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm, am 18. Mai 2015 die katholische Kirche in Deutschland zur Mitfeier des Reformationsgedenkens eingeladen und gesagt: „Das Reformationsjubiläum 2017 ist im Kern ein Christusfest, das die Botschaft von der freien Gnade Gottes ausrichten will an alles Volk.“3. So feiern wir gern mit.

Christus – Grund und Mitte des Glaubens

2017 ist die besondere Gelegenheit, als Christen verschiedener Konfessionen zusammen Christus zu feiern und ein gemeinsames Christusbekenntnis in unsere säkulare Gesellschaft hinein zu sprechen. Auf diese Weise werden wir wohl am besten der Reformation und zugleich unserer Zeit gerecht.

Die Verbundenheit in Christus als dem gemeinsamen Grund und der Mitte unseres Glaubens hat bereits die Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre (1999) hervorgehoben: „Allein durch Christus werden wir gerechtfertigt, indem wir im Glauben dieses Heil empfangen.“ (GER Nr. 16) Jesus Christus ist Grund und Mitte unseres Glaubens. Von ihm her empfängt die Kirche ihre Identität. 

Durch die eine Taufe und den einen Glauben aber sind alle Christen über viele Konfessionsgrenzen hinweg mit Jesus Christus und untereinander verbunden. „Gemeinsam bekennen wir: Allein aus Gnade im Glauben an die Heilstat Christi, nicht aufgrund unseres Verdienstes, werden wir von Gott angenommen und empfangen den Heiligen Geist, der unsere Herzen erneuert und befähigt und aufruft zu guten Werken.“ (GER Nr. 15)

Wirkliche Erneuerung christlichen Lebens geschieht nur in der Umkehr zu Jesus Christus, indem wir uns immer wieder neu am Evangelium ausrichten, unsere Hoffnung stärken und die Zeichen der Zeit erkennen, um das Notwendige in unseren Tagen in der Hinwendung zu den Menschen zu tun.

In einer Zeit der Umbrüche

Gegenüber der Epoche der Reformation stehen wir heute allerdings in einer völlig anderen Zeit, die wir oft als „säkulares Zeitalter“ bezeichnen. Wir nehmen einen Wandel wahr, „der von einer Gesellschaft, in der es praktisch unmöglich war, nicht an Gott zu glauben, zu einer Gesellschaft führt, in der dieser Glaube auch für besonders religiöse Menschen nur eine menschliche Möglichkeit neben anderen ist.“4

Gegenwärtig sehen wir uns verschiedenartigen Herausforderungen gegenüber: Der christliche Glaube hat an Plausibilität verloren. Wichtige Institutionen, die lange als verlässlich galten, haben an Glaubwürdigkeit eingebüßt. Das Thema Vertrauen liegt obenauf. Der Umgang mit Fremden ist neu zu erlernen. Eine Kultur des Erbarmens ist gegen eine „Globalisierung der Gleichgültigkeit“ (Papst Franziskus) zu entwickeln. Wie kann man in dieser säkularen Zeit ein Christusfest feiern?

Die „säkularen“ Zeitgenossen

Immerhin sieht der tschechische Theologe Tomáš Halík große Ähnlichkeiten zwischen jenen, die glauben und den anderen, denen diese Gnade nicht gegeben ist. Von den „säkularen“ Zeitgenossen lernt er, dass Gott oft weit mehr abwesend, verborgen, „unaussprechlich“ ist. Allerdings meint er auch, viele seien sich heute zu schnell sicher, dass es Gott nicht gebe. Er rät darum allen, Geduld mit Gott zu haben.

Diesen Rat macht er bildhaft fest an der Geschichte des Zöllners Zachäus (Lk 19,1-10). Das Evangelium sagt von ihm: „Er wollte gern sehen, wer dieser Jesus sei“ (Lk 19,3). Halík ist der Überzeugung: „Es gibt nicht wenige Zachäus-Gestalten unter uns – das Los unserer Welt, Kirche und Gesellschaft hängen vielleicht in höherem Maße, als wir bereit sind zuzugeben, auch davon ab, ob wir solche Menschen gewinnen werden oder nicht.“5

„Ihr aber, für wen haltet ihr mich?“ 

So sind die Jünger Christi gefragt: „Ihr aber, für wen haltet ihr mich?“ (Mk 8,29). Bei dieser Frage Jesu scheint es heute auch unter Christen eine beträchtliche Unsicherheit zu geben. Nicht selten wird Jesus Christus heute nur als ein Weg unter vielen anderen gesehen. Könnte es 2017 in unserem Land einen ökumenischen Neuanlauf geben, evangelisch und katholisch, nach Möglichkeit auch mit den orthodoxen und orientalischen Christen, auf diese Frage eine gemeinsame Antwort zu versuchen?

Wenn Menschen wie Zachäus uns fragen, wer dieser Jesus sei, geht es allerdings nicht einfach darum, Geschichten des Evangeliums zu wiederholen, sondern zu bekennen, wer dieser Jesus ist und was er für uns bedeutet. Solches Bekennen kostet auch etwas. Es muss in der Münze unseres Lebens bezahlt werden.

Gewalt wird in Liebe umgewandelt

Um das Christus-Bekenntnis zu erschließen, ist beim Tod Jesu am Kreuz anzusetzen als dem Quellpunkt unseres Glaubens. Das Kreuz selbst ist dabei schon vorweggenommen im Letzten Abendmahl und wird beglaubigt in der Auferstehung an Ostern. Der Kern dieses Österlichen Geheimnisses aber heißt – mit Worten von Papst Benedikt XVI.: „Gewalt wird in Liebe umgewandelt und so Tod in Leben. Weil Jesus Christus den Tod in Liebe umformt, darum ist der Tod als solcher schon von innen her überwunden und Auferstehung schon in ihm da… Alle anderen Veränderungen bleiben oberflächlich und retten nicht.“6

Jesus versteht sein Leben ganz als Offenheit gegenüber Gott, den er abba nennt (Mk 14,36), und ganz als Dienst für die Menschen. Er ist der, der restlos vom Vater her und auf ihn hin lebt. Und er ist der, der den kreuzigenden Hass mit der Liebe beantwortet, die nichts und niemanden ausschließt, nicht einmal den Henker. An Ostern wird offenbar, dass er so ganz von Gott angenommen ist.

Von hier aus könnten wir fragen: Wenn Jesus der ist, der ganz von Gott als seinem Vater her lebt, und wenn er mit seiner ganzen Existenz „Liebe nicht nur hat, sondern ist – muss er dann nicht identisch sein mit Gott, der allein die Liebe ist?“ Und umgekehrt könnten wir fragen: Wenn Jesus ganz ist, was er tut, wenn er ganz hinter dem steht, was er sagt, wenn er ganz für die andern und in solchem Sichverlieren doch ganz bei sich selber ist, „ist er dann nicht der menschlichste der Menschen, die Erfüllung des Humanen schlechthin?“7 Solche Fragen haben sich jedenfalls die Konzilien der ersten fünf Jahrhunderte gestellt, um dann die biblischen Aussagen im gemeinsamen Glaubensbekenntnis zu formulieren. Wer Jesus Christus in dieser Weise zu sehen vermag, für den wird er „der Weg und die Wahrheit und das Leben“ (Joh 14,6).

2017 als Christusfest feiern

Wir schlagen vor: Sich in ökumenischer Gemeinsamkeit auf den verschiedensten Ebenen (in Ökumenekreisen, in Gruppen aus katholischen und evangelischen Gemeinden, in Treffen von Dekanats- und Kirchenkreiskonferenzen usw.) der Frage Jesu zu stellen: Ihr aber, für wen haltet ihr mich?

Wir regen an: Sich mit dem Christusbekenntnis auch in das öffentliche Leben hinein zu wagen und miteinander Initiativen am jeweiligen Ort zu entwickeln, um die Botschaft von der freien Gnade Gottes an alles Volk auszurichten und in der Spur Jesu, Gewalt in Liebe zu verwandeln. Und darum beispielsweise zu fragen 8: Wo haben wir von Gott zu reden gegen die Herrschaft des Nächstliegenden? Wo müssen wir Wahrheitsfragen stellen gegen die achselzuckende Gleichgültigkeit? Wo ist für die Würde des Menschen jenseits aller Nützlichkeitskategorien einzutreten? Wo warten Arme und Bedrängte aller Art auf unseren Beistand? Wo sind wir gerufen, Hoffnung zu säen?

Wir wünschen uns und beten dafür, dass es uns in den vielen Aktivitäten im 500. Gedenkjahr der Reformation insbesondere geschenkt wird, gemeinsam zu Christus als der Quelle unseres Glaubens hinzufinden und von ihm her auch freimütig den Dialog mit unseren Zeitgenossen zu führen. Denn „Sammlung ohne Sendung ist Ghetto, Sendung ohne Sammlung ist Boulevard“ (Dietrich Bonhoeffer).

Das wird uns neu motivieren, zugleich Wege zur Wiederherstellung der Einheit zwischen den Kirchen zu suchen und damit dem Testament Jesu zu entsprechen, der am Abend vor seinem Tod gebetet hat: „Alle sollen eins sein…, damit die Welt glaubt“ (Joh 17,21).

Die Ökumene-Kommission des Bistums Hildesheim
Domhof 18–21, 31134 Hildesheim, oekumene(ät)bistum-hildesheim.de

Fußnoten

1 KURT KOCH, in: PAPST BENEDIKT XVI. UND SEIN SCHÜLERKREIS. KURT KARDINAL KOCH, Das Zweite Vatikanische Konzil, Augsburg 2012, 64f.
2 Vgl. VOLKER LEPPIN, Martin Luther, Darmstadt 22010, 73–82.
3 Festjahr gemeinsam gestalten. Der Briefwechsel zur Feier des Reformationsgedenkens 2017. Von LANDESBISCHOF HEINRICH BEDFORDSTROHM und KARDINAL REINHARD MARX, in: KNA ÖKI 28 (2015). Vgl. zu dieser Formulierung die 6. These der Barmer Erklärung (1934).
4 CHARLES TAYLOR, Ein säkulares Zeitalter, Frankfurt 2009, 15 [899].
5 TOMÁŠ HALÍK, Geduld mit Gott. Die Geschichte von Zachäus heute, Freiburg i. Br. 2010, 23.
6 Predigt von PAPST BENEDIKT XVI. anlässlich des XX. Weltjugendtages in Köln (Verlautbarungen des Apostolischen Stuhls, Nr. 169), Bonn 2005, 85f.
7 JOSEPH RATZINGER, Einführung in das Christentum, München 1968 (Neuausgabe 2000), 164; 169.
8 Vgl. MATTHIAS DROBINSKi, Katholische Kirche. Die Sprachunfähigen, in: Süddeutscher Zeitung vom 10.3.2014.