Ankommen

Ein persönliches Schlaglicht zur Feier der Zusage am 6. März 2022 in der St. Godehard-Kirche zu Hildesheim

Dann ist der Moment gekommen. Für den feierlichen Anlass ist es sonderbar still in der großen Halle der St. Godehard-Kirche in Hildesheim. Eine erwartungsvolle, intensive Stille, unterbrochen nur vom Knarren einer alten Holzbank, dem Rascheln einer Winterjacke, einem verhaltenen Räuspern, das unter der hohen Decke und dem wunderschönen Chor-Gewölbe widerhallt. Dazu die Schritte des Bischofs, der langsam durch den Mittelgang schreitet und bei jedem Gläubigen verweilt, der sich an den Bankeingängen dazu bereithält. Ein kurzer Austausch geflüsterter Worte. Dann erhebt Bischof Wilmer die Hände über die sich neigenden Köpfe. Ein stilles Segensgebet, bevor sich die Arme wieder senken. Ein letztes Zunicken. Unter den Mundschutzmasken lässt sich das Lächeln nur an den Augen erahnen – und in manchen Augen der soeben Gesegneten stehen Tränen.

Und nun tritt Bischof Wilmer zu uns. Meine Frau Katja und ich rücken noch etwas näher zusammen, um uns gemeinsam unter den Segen des Bischofs zu stellen, um heute vom Kirchenoberhaupt des Bistums selbst die Zusage zu erhalten: Du bist willkommen. Ihr seid würdig. Wir nehmen Dich an und Euch auf! „Zusammen?“ fragt uns Bischof Heiner. Und wir bestätigen mit einem Nicken: Ja, als Ehepaar wollen wir gemeinsam diesen Schritt gehen. Hinein in die katholische Kirche.

Wenige Minuten zuvor in dieser besonderen Zeremonie an einem kalten Sonntagnachmittag Anfang März waren Katja und ich schon einmal vor den Bischof getreten. Vorbei an den warmen, flackernden Lichtern des Opferstocks unter dem Marienbild, waren wir die Stufen zum Altarraum unter der majestätischen Kuppel des Chorraumes hinaufgestiegen. Wir hatten die Aufgabe übernommen, für die versammelten Katechumenen und ihre Begleiter:innen vor dem Bischof das sogenannte Empfehlungsschreiben zu verlesen. Vom Pult aus konnten wir nun auf die erwartungsvollen und konzentrierten Gesichter in den Bankreihen unter uns schauen. Erwachsene Frauen und Männer, die sich – genau wie wir – auf den Weg gemacht haben. Manche von ihnen hatten heute ganz real eine weite Strecke zurückgelegt und mussten früh aufbrechen, um rechtzeitig hier anzukommen – aus dem ganzen Bistum sind sie aus allen vier Himmelsrichtungen in die Domstadt Hildesheim gereist. Doch auch sinnbildlich haben die Versammelten einen Weg zurückgelegt. In den vergangenen Monaten haben sie den Erwachsenenkatechumenat durchlaufen und an Glaubenskursen und Bibel-Runden teilgenommen. Sie haben sich innerlich und äußerlich vorbereitet auf ihre teilweise bevorstehenden Taufen, die Konversion und die Firmung. So unterschiedlich unsere Lebenswege und unsere Motive auch aussehen mögen – uns alle verbindet der Wunsch, in die römisch-katholische Kirche aufgenommen zu werden. Stellvertretend standen Katja und ich nun vor der Gemeinde, um diesen Wunsch in Worte zu fassen und hörbar eine Stimme zu verleihen. Der Text des Empfehlungsschreibens ist für uns vorformuliert. Jede:r der Tauf- und Firmkandidat:innen hat ihn gelesen und für heute eigenhändig unterschrieben mitgebracht. In einem großen Korb wurden die Papierrollen bereits gesammelt, um sie dem Bischof zu überreichen. „Ich habe Dich bei Deinem Namen gerufen. Mein bist Du“ las Katja das einleitende Bibelwort aus Jesaja 43,1. „Spruch des Herrn.“ Zwischen dem Bischof und der Versammlung und unter dem Kreuz stehend, schloss ich sogleich mit der Lesung des kurzen Empfehlungstextes an: „Sehr geehrter Herr Bischof! Diesen Ruf haben wir gehört und sind ihm gefolgt. Wir haben den festen Wunsch, katholische Christen zu werden. Wir bitten darum, zu den Sakramenten des Christwerdens zugelassen zu werden und in der kommenden Osterzeit die Taufe, die Firmung und die Eucharistie empfangen zu dürfen.“

Mit der folgenden Segnung jeder und jedes Einzelnen bestätigt der Bischof diesen Wunsch nach Aufnahme. Es ist noch nicht die Taufe oder Firmung, aber es ist die offizielle Erlaubnis, das bischöfliche Ja dazu. Auch wenn uns Heiner Wilmer die Hände pandemiebedingt nicht direkt auflegen darf, so ist die über unseren Köpfen schwebende Wärme im Moment der Segnung für mich trotzdem spürbar. In Katja und meinem Falle ist es gleich ein Doppelsegen – fast wie bei unserer Trauung. Ähnlich feierlich wie bei unserer lang zurückliegenden Hochzeit sind nun auch meine Gefühle. Es ist wie eine Bestätigung. Wie eine sicht- und greifbare Besiegelung. Wir haben uns auf den Weg gemacht. Den Weg der Nachfolge. Vor langer Zeit schon haben wir den Ruf gehört. Und wir haben bereits einiges erlebt unterwegs – lichte Höhen, aber auch dunkle Täler. Nun haben wir einen weiteren Schritt getan. Ein neues Kapitel aufgeschlagen. Haben eine Grenze überquert, sind durch eine offene Tür getreten. Offiziell werden wir willkommen geheißen. Die Bürgerrechte sind uns zuerkannt, auch wenn der beglaubigende Stempel „katholisch“ im sinnbildlichen Pass noch fehlt. In diesem Moment des symbolischen Segnens wird es real. Wir dürfen uns zugehörig fühlen. Schon jetzt sind wir ein Teil dieser großen, die Geschichte durchwirkenden und alle Kontinente verbindenden „Weltkirche“. Schon jetzt dürfen wir uns heimisch fühlen in den Gemeinden und aufgenommen in die Glaubensfamilie unserer Kirche vor Ort.

Schön und bewegend geht die „Feier der Zusage“ in St. Godehard zu Ende. Die Mitarbeitenden und Freiwilligen des Erwachsenenkatechumenats des Bistums Hildesheim haben sich viel einfallen lassen und gut durch das Programm geführt, das die Bezeichnung „feierlich“ allemal verdient. Ein bisschen der inneren Wärme können wir, trotz des kalten Sonntags, mit nach Hause und in die nächsten Tage nehmen.

„Und? Wie fühlst Du Dich jetzt?“ Ich stelle mir vor, jemand hätte mir diese Frage gestellt. Vielleicht ein anderer Gast auf dem kleinen Empfang, der nach der Feier der Zusage auf dem Vorplatz von St. Godehard stattfand, auch wenn der Wind an diesem Märznachmittag leider allzu eisig wehte. Meine Antwort wäre wohl kurz, aber froh und dankbar gewesen: „Angekommen.“  

Jens-Hendrick Grumbrecht