Natur mit allen Sinnen im Gottesdienst erfahren

Das Team Liturgie+Kirchenmusik bietet eine Fortbildung „Ökologie im Kirchenjahr – Wort-Gottes-Feiern und andere Liturgien schöpfungsgerecht gestalten“ an.  Referent ist Dr. Dietmar Müßig, Dozent für Ökotheologie an der Philosophisch-Theologischen Hochschule St. Georgen in Frankfurt am Main. Im Interview erläutert er den Grundgedanken. 

Am 5. September bieten Sie eine Fortbildung an „Ökologie im Kirchenjahr – Wort-Gottes-Feiern und andere Liturgien schöpfungsgerecht gestalten“. Was ist darunter zu verstehen?

Lassen Sie mich mit einem ganz konkreten Beispiel einsteigen. Die meisten von uns kennen den eindrücklichen Ritus zum Beginn der Fastenzeit. Den Gläubigen wird ein Kreuz aus Asche auf die Stirne gezeichnet, begleitet von den Worten: „Gedenke Mensch, dass du Staub bist und zum Staub zurückkehrst“. Diese Worte stammen aus dem dritten Kapitel des Buches Genesis. Dahinter steht die Idee, dass wir Menschen, genauso wie die Tiere, aus Lehm gemacht sind. Wir alle sind Erdlinge. Deshalb heißt der erste Mensch Adam. Das kommt vom hebräischen Wort adamah gleich Erde und heißt wörtlich übersetzt so viel wie „Erdling“. Ich finde das ein sehr schönes Bild. Zum einen, weil es problemlos zu dem passt, wie die moderne Wissenschaft im Gefolge von Darwins Evolutionstheorie die Entstehung des Lebens erklärt – wir alle bestehen aus denselben chemischen Elementen. Zum anderen aber vor allem deshalb, weil damit unmöglich wird, dass wir uns als Abbild Gottes in dem Sinne verstehen, dass wir die Ressourcen der Erde gnadenlos ausbeuten und alle anderen Lebewesen zu unserem alleinigen Nutzen gebrauchen dürften. Beim Aschenkreuz geht es also weniger um unsere angebliche Nichtigkeit als vielmehr um eine neue Haltung gegenüber allem Lebendigen. Allerdings habe ich noch nie eine Predigt oder einen Aschermittwochs-Gottesdienst erlebt, in dem solche Gedanken zum Tragen gekommen wären. Genau dies würde ich aber unter schöpfungsgerechter Gestaltung von Liturgie verstehen.

Schon immer hat die Kirche auch die Ökologie im Blick gehabt, hat mit der Natur gelebt. Davon zeugen Erntedank, Bittprozessionen, Kräuterbundsegnungen oder auch der Wettersegen um eine gute Ernte. Greifen Sie bei Ihren Überlegungen auch auf solche Formen zurück?

Genau darin besteht die Idee dieser Fortbildung! Es gibt außer den von Ihnen genannten Bräuchen weitere Feste und auch etliche Bibeltexte, die sich mit dem Verhältnis des Menschen zur Natur beschäftigen. Diese wieder- oder neu zu entdecken, sie vielleicht auch gegen den Strich zu lesen und vor allem daraufhin zu durchforsten, welche Anknüpfungspunkte sie für die Schöpfungsthematik bieten, darum soll es am 5. September gehen. 

Können Sie ein, zwei praktische Beispiele nennen? 

Ernte-Dank ist – abgesehen vom Blumenschmuck - meist die einzige Gelegenheit, wo mal etwas Natur in die Kirche kommt. In manchen Gemeinden wird noch der Brauch der Kräuterweihe am 15. August gepflegt, wo für die Gaben der Schöpfung in der Form von Heilkräutern und Medizinpflanzen gedankt wird. Aber dabei bleibt es dann meist auch. Dabei böte gerade das Fest Mariä Himmelfahrt so viel Potential, um zum Beispiel mal über unser fast ausschließlich männlich geprägtes Gottesbild nachzudenken. In Bolivien ist der August der Monat der Pachamana, in dem man der Mutter Erde Opfergaben darbringt; aus Dankbarkeit für all die mütterlichen Gaben, die sie im Lauf des Jahres für die Menschen bereithält. Sich Gott nur als Mann vorzustellen, ginge dort gar nicht. Im europäischen Christentum ist das Weibliche fast völlig aus dem Gottesbild verschwunden. Und manche Theologinnen sagen, dass unser ausbeuterischer Umgang mit der Natur letztlich damit zu tun hat. In jedem Fall glaube ich, dass es uns gut zu Gesicht stünde, im Angesicht der Erdüberhitzung und des massiven Artensterbens darüber nachzudenken, wie wir mit unserer „Schwester Mutter Erde“ umgehen, wie Papst Franziskus den blauen Planeten in seiner Enzyklika Laudato si´ genannt hat.

Ein anderes Beispiel: Nicht umsonst spricht die katholische Tradition von der Natur als dem zweiten Buch der Offenbarung neben der Bibel. Das heißt, man kann Gott auch in ihrer Schöpfung begegnen. Aber dazu muss man die starren Formen unserer gewohnten Liturgien und im besten Fall auch den Kirchenraum hinter sich lassen. Warum nicht mal eine Maiandacht im Freien feiern, um das Grünen und intensive Aufblühen der Natur in diesem Monat wahrzunehmen? Und um so die viriditas zu spüren, die sog. die Grünkraft, von der die heilige Kirchenlehrerin Hildegard von Bingen spricht und die sie in enger Verbindung mit Gottes Geistkraft sieht?

An wen richtet sich diese Fortbildung?

In unserem Bistum gibt es zahlreiche Männer und Frauen, die Wort-Gottes-Feiern vorbereiten und leiten. Dabei erlebe ich oft eine starre Orientierung an der Priester-geleiteten Eucharistie – bis dahin, dass irgendwelche Predigten aus dem Internet gezogen und vorgelesen werden, was zumeist wenig authentisch rüberkommt. Vielleicht könnten Naturelemente in der Liturgie wie z.B. das Weih- bzw. Taufwasser dazu verhelfen, eigene Formen zu entwickeln. Oder warum nicht einfach mal eine Meditation anbieten über einen aufgeblühten Barbarazweig, eine zarte Akelei-Blüte, einen Strauß Maiglöckchen oder eine Schale frischer Erdbeeren, verbunden mit einem Schöpfungs-Psalm oder eingespielter moderner Musik? Die genannten sind nämlich allesamt traditionelle Marienblumen; ja, auch die Erdbeeren, aber warum, das wird erst in der Fortbildung verraten ????. 

An diesem Beispiel merken Sie, dass die Fortbildung sich auch an Menschen richtet, die in anderen Kontexten unterwegs sind; sei es in der Katechese, in der Jugendarbeit, im Religionsunterricht oder eben auch in der Mitgestaltung von Kinder-, Familien- oder Gruppengottesdiensten.

Schließlich könnten sogar Leute profitieren, die eher politisch oder aktivistisch unterwegs sind. Denn warum sollte man sich auf einer der Flurprozessionen nicht auch einmal kritisch mit dem Einsatz von Pestiziden und Herbiziden in der Landwirtschaft beziehungsweise mit ökologischen und nachhaltigen Alternativen im Landbau auseinandersetzen? Die Deutsche Bischofskonferenz hat vor drei Jahren ein starkes Papier zum Thema „Landnutzung“ veröffentlicht, das die politische Seite von Schöpfungsgerechtigkeit in den Blick nimmt, die damit ebenfalls ihren Platz in Verkündigung und Liturgie haben darf.

Und wie sieht die Fortbildung konkret aus?

Wir bereiten eine gute Mischung vor aus spannenden Bibeltexten, Impulsen aus der Öko-Theologie und dem gemeinsamen Erleben und Ausprobieren von Methoden, die ein Erleben von Schöpfung mit allen Sinnen möglich machen. Dabei lassen wir uns vom Kirchenjahr leiten und erkunden gemeinsam, wann im Jahreskreis ein ökologisches Thema gut aufgegriffen werden kann. Dazu brauchen die Teilnehmenden keine speziellen Vorkenntnisse – nur Neugier auf Gott und seine/ihre Schöpfung.

 

Angeboten wird diese Fortbildung am 5. September von 9.30 Uhr bis 17 Uhr vom Team Liturgie+Kirchenmusik des Bistums in der Katholischen Akademie Hannover. Die Leitung hat Sr. Anne Kurz, Referent ist Dr. Dietmar Müßig. Informationen und Anmeldung am besten online unter diesem Link oder bei Johannes Höweling, unter Telefon: 05 12 1 / 30 73 04, E-Mail: liturgie(ät)bistum-hildesheim.de.

Interview: Edmund Deppe/bph