Christus ist auferstanden – deshalb fällt kein Leben aus Gottes Hand

Predigt von Bischof Dr. Heiner Wilmer SCJ am Ostermorgen

Bischof Dr. Heiner Wilmer SCJ hat am Ostersonntag, 5. April, den Gottesdienst zum Hochfest der Auferstehung des Herrn im Hildesheimer Dom gefeiert. Hier seine Predigt im Wortlaut: 

Liebe Schwestern, liebe Brüder,

Christus ist auferstanden – deshalb fällt kein Leben aus Gottes Hand. Mit diesem Satz stehen wir heute am Ostermorgen. Nicht als schnelle Antwort. Nicht als fertige Erklärung. Sondern als Hoffnung, die größer ist als unsere Fragen.

Ostern beginnt früh am Morgen. Nicht mit Licht. Nicht mit Gewissheit. Sondern mit einem Weg im Dunkeln.

Maria von Magdala geht zum Grab. Sie geht, weil sie liebt. Weil sie den Verlust nicht aushält. Sie geht, obwohl sie nichts mehr erwartet. Vielleicht sind heute viele Menschen so unterwegs. Sie stehen auf, obwohl alles schwer ist. Sie tragen Sorge um liebe Menschen. Sie leben mit einer Diagnose, mit einer Angst, mit einer Müdigkeit, die keiner sieht. Sie fragen sich: Wie lange noch? Wo ist Gott? Falle ich ins Leere?

Maria steht am Grab. Der Stein ist weg. Der Ort ist leer. Und sie versteht nichts. Wir kennen solche leeren Orte. Wenn ein Mensch fehlt. Wenn Sicherheiten zerbrechen. Wenn der eigene Glaube leer wird.

Das Evangelium ist ehrlich. Es sagt nicht: Maria glaubt sofort. Es sagt nicht: Maria versteht. Es sagt nur: Maria bleibt. Sie bleibt an dem Ort, an dem ihr Herz zerbrochen ist. Und genau dort beginnt Ostern. Nicht dort, wo alles erklärt ist. Nicht dort, wo alles hell ist. Sondern dort, wo Menschen aushalten, was sie nicht begreifen. Ostern beginnt nicht mit Beweisen. Ostern beginnt mit Treue. Mit dem Bleiben. Mit der Liebe, die auch im Dunkel nicht aufhört.

Maria sieht das leere Grab und denkt: Jetzt ist auch das noch weg. Aber Gott ist nicht weg. Er ist nur anders da. Christus ist auferstanden – und deshalb fällt kein Leben aus Gottes Hand.

Liebe Schwestern und Brüder, die Auferstehung, von der wir heute sprechen, ist keine harmlose Idee. Sie ist nicht leicht zu glauben. Im Jahr 1882 lässt Friedrich Nietzsche einen „verrückten Menschen“ über den Marktplatz laufen. Er schreit: Gott ist tot! Wir haben ihn getötet! Dieser Ruf wird oft missverstanden. Er ist kein Jubel. Der Verrückte ist zutiefst unglücklich. Er glaubt weder an die Vernunft noch an den Fortschritt. Er bedauert Gott. Vielleicht ahnt er: Wenn Gott tot ist, bleibt am Ende nur der Tod.

Gegen diese Hoffnungslosigkeit setzt das Evangelium etwas, das verrückt klingt: die Auferstehung des Fleisches. Eine skandalöse Idee. Man muss schon ein wenig verrückt sein, um das zu behaupten. Verrückt im Sinne der Liebe. Verrückt im Sinne der Hoffnung. Verrückt genug, um dem Tod zu widersprechen.

Ostern ist eine Rebellion gegen den Tod. Christus war ein gesellschaftlicher Rebell. Aber vor allem hat er dem Tod eine Absage erteilt. Mit seinem Leben.

Als meine Mutter sagte, dass sie nach dem Tod meinen Vater wiedersehen werde, war das keine Naivität. Das war Widerstand. Das war die Weigerung, die totale Vernichtung zu akzeptieren. Wir werden uns wiedersehen. Wir werden uns erkennen – in unserer Wahrheit, in unserer Schönheit, im Licht Gottes.

Nicht zurück in das Alte. Sondern hinein in ein neues Leben. Dieses Leben ist nicht alles. Unsere Geschichte endet nicht im Grab. Nicht im Krankenhauszimmer. Nicht in der Einsamkeit. Nicht in der Müdigkeit des Herzens.

Gott trägt uns. Gott lässt uns auch im Tod nicht im Stich. Vielleicht sind Sie heute wie Maria von Magdala: Sie gehen Ihren Weg im Dunkeln. Sie haben keine Antworten. Aber Sie gehen. Denn der Ort, der Ihnen leer erscheint, ist der Ort, an dem Gott neues Leben beginnt.

Und wenn Sie heute nur einen einzigen Satz mitnehmen, der Sie trägt durch diese Woche, durch Angst, Krankheit, Zweifel und Müdigkeit, dann diesen: Christus ist auferstanden – und deshalb fällt kein Leben aus Gottes Hand.