"Die ignorierten Frauen der Bibel" – Lesung mit Annette Jantzen in der Dombibliothek

Die Theologin Dr. Annette Jantzen schreibt und erzählt von Frauen in der Bibel, die im Gottesdienst zu kurz kommen. Am Mittwochabend las sie in der Dombibliothek aus ihren Büchern.

Feministisch, solidarisch und poetisch – so beschreibt die Autorin und Theologin Dr. Annette Jantzen sich selbst und ihre Arbeit. Sie schreibt und erzählt von Frauen, deren Geschichten in der Bibel eine wichtige Rolle spielen, in den gottesdienstlichen Lesungen aber häufig nur am Rande vorkommen oder ganz fehlen. Um diese Stimmen hörbar zu machen, war sie Mittwochabend zu einer Lesung in die Hildesheimer Dombibliothek gekommen.

Den Abend eröffnete Dr. Monika Suchan, Direktorin der Dombibliothek, die besonders die Zusammenarbeit der zahlreichen Einrichtungen würdigte, die die Veranstaltung gemeinsam organisiert hatten. Dr. Andreas Reitinger von der Katholischen Akademie Hannover betonte in seiner Begrüßung die Aktualität des Themas. Die Frage nach der Rolle von Frauen in der Bibel und in der Kirche treffe einen Nerv und gehe letztlich alle an. Schließlich erzähle die Geschichte Gottes mit den Menschen nicht nur von Männern.

In ihrem Vortrag lenkte Jantzen den Blick auf einen Umstand, den viele Gottesdienstbesucher:innen kaum wahrnehmen: In der Messe wird nicht direkt aus der Bibel gelesen, sondern aus einem Lektionar. Die darin enthaltenen Texte folgen einer festgelegten Leseordnung und sind teilweise gekürzt. Diese Auswahl sei, so Jantzen, ausschließlich von Männern getroffen worden. Dabei seien Passagen aufgenommen worden, die den Verantwortlichen wichtig erschienen, während andere ausgelassen wurden. Die Folgen seien bis heute sichtbar: Im Ersten Testament gebe es rund 60 Frauenfiguren mit eigener Geschichte. In der dreijährigen katholischen Leseordnung tauchten jedoch nur vier von ihnen auf.

Mehr als Randfiguren

Wie stark diese Auswahl die Wahrnehmung biblischer Frauen beeinflusst, zeigte Jantzen am Beispiel der Hagar-Erzählung. Durch ausgelassene Verse gehe Wesentliches verloren. Hagar erscheine dann lediglich als Werkzeug innerhalb der Geschichte, während ihre eigene Gotteserfahrung und ihre Würde als von Gott Gesehene kaum sichtbar würden. Häufig würden Frauenfiguren durch Kürzungen flacher, negativer oder uninteressanter dargestellt, während Männer in einem günstigeren Licht erschienen.

Anschaulich wurde dies auch durch die anschließenden Lesungen. Jantzen trug die Geschichten von Abigail und Judith vor und machte deutlich, wie komplex und selbstbewusst die Frauenfiguren in den vollständigen biblischen Texten auftreten. Besonders Judith stellte sie als Frau vor, die mit Gott ringt, mutig handelt und sich sexueller Gewalt entgegenstellt. Umso erstaunlicher sei es, dass gerade diese Aspekte in den offiziellen Lesungstexten weitgehend ausgeblendet würden. Dadurch gehe, so Jantzen, ein wesentlicher Teil der Essenz des biblischen Buches verloren.

Dabei wurde auch deutlich, wie sehr die Referentin selbst von den biblischen Texten fasziniert ist. "Für mich ist die Bibel interessanter als die Kirche", erklärte sie und erntete dafür zustimmendes Nicken im Publikum.

Kleine Schritte statt großes Konzil

In der anschließenden Fragerunde fragte eine Besucherin: "Was machen wir mit dem, was wir erkannt haben?" Jantzen verwies auf die Möglichkeiten von Wort-Gottes-Feiern. Für diese gelte die offizielle Leseordnung nicht zwingend, sodass dort andere und vollständigere Texte gelesen werden könnten. 

Auf die Frage, ob es nicht Zeit sei, die katholische Leseordnung grundlegend zu überarbeiten, antwortete Jantzen nüchtern. Dafür wäre ein Konzil notwendig, ein enormer kirchlicher Aufwand. Mit einem Augenzwinkern fügte sie hinzu, dafür brauche es wohl zunächst einen entsprechend beliebten Papst. Als bereits vorhandene Alternative verwies sie auf die von der Frauenkommission der Diözese Linz herausgegebene Frauenleseordnung "Gleichwürdig", die Frauenfiguren und ihre Geschichten stärker berücksichtigt.

Zum Abschluss gab die Autorin den Zuhörenden mit auf den Weg, vorhandene liturgische Freiräume zu nutzen, sich nicht von künstlichen Versgrenzen einschränken zu lassen und biblische Texte möglichst vollständig zu lesen. Unter Bezug auf den Propheten Amos zitierte ein Besucher: "Das Recht muss fließen wie das Wasser." Die heutige Leseordnung sei in ihrer gegenwärtigen Form strukturell frauenfeindlich, erklärte er, und sprach Jantzen seine Anerkennung für ihre Arbeit aus.

Die Resonanz auf den Abend war entsprechend groß. Die Veranstaltung war mit mehr als 160 Gästen ausgebucht, viele nutzten im Anschluss die Gelegenheit, Bücher zu erwerben und sie von der Autorin signieren zu lassen. Organisiert wurde die Lesung gemeinschaftlich vom Diözesanrat der Katholik*innen, von der Katholischen Akademie Hannover, der Universität Hildesheim, der Dombibliothek, der Katholischen Erwachsenenbildung, der Katholischen Frauengemeinschaft Deutschlands sowie dem Dekanat Hildesheim. Die große Beteiligung zeigte: Das Thema bewegt viele, und die Stimmen, die in den biblischen Texten oft überhört werden, stoßen auf großes Interesse.

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