Geschichte als gesellschaftliche Erfahrung

Beim Aschermittwoch der Künste in der Hildesheimer Dombibliothek beschreibt Jens Bisky den Weg von der Krise zur Diktatur

Am Abend des Aschermittwochs ist die Dombibliothek in Hildesheim bis auf den letzten Platz gefüllt. Vor den riesigen Bücherregalen stehen zwei rote Clubsessel: einer für den Journalisten Jens Bisky, einer für die Moderatorin Annette Schmidt-Klügmann von der Katholischen Akademie des Bistums Hildesheim.

Bischof Heiner Wilmer eröffnet den Abend, stellt den Autor vor und begrüßt die Gäste. Einige seien eigens aus Köln, Freiburg und Heidelberg angereist, bemerkt er. Die Lesung bildet den Abschluss eines Tages mit Veranstaltungen rund um den Dom im Rahmen des Aschermittwochs der Künste.

Zu Beginn spielt das Treppenhaus-Quartett aus Hannover Werke des jüdischen Komponisten Hans Krása, der 1944 in Auschwitz ermordet wurde. Die Musik erinnere daran, dass mit der nationalsozialistischen Verfolgung auch ein reiches kulturelles Leben ausgelöscht worden sei, so Wilmer.

Jens Bisky, gebürtiger Leipziger, langjähriger Feuilletonredakteur der „Süddeutschen Zeitung“ und heute Leiter der Zeitschrift „Mittelweg 36“, stellt sein Buch „Die Entscheidung. Deutschland 1929 bis 1934“ vor. Die Endphase der Weimarer Republik beschreibt er nicht nur anhand politischer Ereignisse, sondern als gesellschaftliche Erfahrung.

Am 1. September 1929 explodiert im Reichstag eine Bombe, die er als „Höllenmaschine“ bezeichnet. Politisch bleibt der Vorfall zunächst kaum beachtet, steht für ihn jedoch beispielhaft für die zunehmende Radikalisierung jener Jahre. Gewalt wird sichtbar, aber von vielen Zeitgenossen noch nicht als Gefahr für die demokratische Ordnung erkannt.

Mit der Weltwirtschaftskrise wachsen Unsicherheit, Arbeitslosigkeit und Abstiegsangst. Bisky richtet den Blick nicht nur auf Parteien und Regierungen, sondern auf die Gesellschaft insgesamt. Auch die Proteste der Landvolkbewegung erwähnt er. In Norddeutschland radikalisieren sich bäuerliche Gruppen, es kommt zu Demonstrationen und Anschlägen. Daran zeige sich, wie weit die Ablehnung der Republik über die politischen Zentren hinausreichte.

Den Untergang der Demokratie beschreibt Bisky nicht als plötzlichen Zusammenbruch, sondern als Folge von Entscheidungen und Fehleinschätzungen. Vor allem konservative Eliten hätten die Nationalsozialisten unterschätzt und geglaubt, sie politisch beherrschen zu können. „Die Demokratie geht nicht in einem dramatischen Augenblick unter, sondern Schritt für Schritt“, sagt er.

In der anschließenden Fragerunde mit dem Publikum geht es um Verantwortung in Krisenzeiten. Geschichte verlaufe nicht zwangsläufig, betont der Autor. Viele Menschen hätten Gefahren erkannt, andere hätten sich angepasst oder weggesehen. Demokratische Strukturen seien auf die Haltung ihrer Bürger angewiesen. Extremisten müsse man ernst nehmen: „Nazis muss man beim Wort nehmen, denn sie tun, was sie sagen – alles andere ist Illusion.“

Der „Aschermittwoch der Künste“ geht im Bistum Hildesheim auf eine Initiative von Bischof Josef Homeyer aus dem Jahr 1986 zurück. Nach der Lesung bleiben viele Besucher noch zum Gespräch in der Dombibliothek.

Text: Waldemar Lorenz