Aufarbeitung sexualisierter Gewalt im Bistum Hildesheim

Im April 2019 hat eine Gruppe unabhängiger Fachleute damit begonnen, mögliche Strukturen aufzudecken, die sexuellen Missbrauch durch Angehörige des Bistums Hildesheim möglich gemacht oder vertuscht haben. Beauftragt wurde das interdisziplinär zusammengesetzte Gremium von Bischof Dr. Heiner Wilmer SCJ. 

Ein Überblick beantwortet wichtige Fragen zur Aufarbeitung von sexualisierter Gewalt und Machtmissbrauch im Bistum Hildesheim und zeigt Etappen auf dem Weg.

Unabhängige Aufarbeitung von sexualisierter Gewalt

Wer sind die Frauen und Männer, die das externe Gremium zur Aufarbeitung bilden?

Leiterin (Obfrau) der externen Untersuchung ist die Vorsitzende Richterin am Verwaltungsgericht a. D. und ehemalige niedersächsische Justizministerin Antje Niewisch-Lennartz (Grüne). Mit ihr zusammen arbeiten der Leitende Oberstaatsanwalt a. D. Kurt Schrimm aus Stuttgart, der 15 Jahre lang Leiter der Zentralen Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen in Ludwigsburg gewesen ist, sowie drei Fachleute des Instituts für Praxisforschung und Projektberatung (IPP) aus München: Gerhard Hackenschmidt, Dr. Peter Mosser und Dr. Christa Paul.

Das IPP ist ein sozialwissenschaftliches Forschungsinstitut, das in der Vergangenheit bereits mehrere unabhängige Studien zum Umgang mit sexualisierter Gewalt und Machtmissbrauch in kirchlichen Institutionen vorgelegt hat, so auch im Bistum Hildesheim.

Was ist Gegenstand der Aufarbeitung?

Den Ausgangspunkt für das Vorhaben bilden die in den Jahren 2015 und 2018 dokumentierten Missbrauchsvorwürfe zweier Betroffener gegen den verstorbenen Bischof Heinrich Maria Janssen. Die laufende Aufarbeitung geht aber deutlich über die beiden Vorwürfe hinaus und umfasst zeitlich die Jahre 1957 bis 1982. Während dieses Zeitraums war Janssen Bischof von Hildesheim. Auftrag der externen Fachleute ist es, mögliche Strukturen aufzudecken, die sexuellen Missbrauch durch Mitarbeitende des Bistums Hildesheim möglich gemacht unterstützt, geduldet oder gedeckt haben. Sie nehmen also insbesondere auch die institutionellen Bedingungen in den Blick, die zum Entstehen von Unrecht beigetragen haben.

Bei der Recherche geht die Untersuchungsgruppe zweigleisig vor: Sie sichtet Unterlagen aus dem Archivbestand des Bistums und führt Gespräche mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen. Darunter sind Betroffene von sexualisierter Gewalt. Aber auch aktive oder ehemalige kirchliche Mitarbeitende, Gemeindemitglieder oder weitere Personengruppen (etwa ehemalige Ministranten), die Angaben zum Gegenstand der Untersuchung machen können und wollen, werden befragt oder können sich zu diesem Zweck an Obfrau Niewisch-Lennartz wenden.

Die Ermittlung durch die unabhängige Gruppe erfolgt offen. Die Untersuchung ist als sondierende Studie angelegt. Die Expertinnen und Experten werden ihre Resultate dem Bistum und der Öffentlichkeit ohne jegliche Einschränkungen in einem Bericht mitteilen, dessen Veröffentlichung voraussichtlich in der zweiten Jahreshälfte 2021 erfolgen wird. Sollten sich während der Sondierung weitergehende Fragestellungen ergeben, ist eine Folgestudie möglich. Die Expertengruppe wird in diesem Fall eine entsprechende Empfehlung an das Bistum aussprechen.

Warum geht der Untersuchungszeitraum nicht über die Zeit von 1957 bis 1982 hinaus?

Dafür gibt es mehrere Gründe: Eine überwiegende Mehrheit der Geistlichen des Bistums Hildesheim, die in der MHG-Studie der sexualisierten Gewalt beschuldigt worden sind, haben einen direkten Bezug zur Amtszeit von Bischof Heinrich Maria Janssen, sind also innerhalb des Zeitraums von 1957 bis 1982 durchgehend als Seelsorger tätig gewesen oder haben in diesem Zeitraum zumindest ihre priesterliche Laufbahn begonnen.

Der 1988 verstorbene Janssen wird als bisher einziger deutscher Bischof des 20. Jahrhunderts direkt beschuldigt, ein Missbrauchstäter zu sein. Darüber hinaus ist das fortgeschrittene Lebensalter möglicher Zeitzeuginnen und Zeitzeugen ein wichtiges Kriterium dafür, die Untersuchung zunächst auf die 1950er- bis 1980er-Jahre zu fokussieren.

Wie lässt sich der Kontakt zu den unabhängigen Fachleuten aufnehmen?

Das Gremium unterhält eine eigene Website (www.wissenteilen-hildesheim.de), auf der Kontaktdaten veröffentlicht sind. Die Obfrau der externen Expertengruppe, Antje Niewisch-Lennartz, stand bereits in mehreren Orten im Bistum Hildesheim zu vorab kommunizierten Terminen für vertrauliche Gespräche mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen zur Verfügung. Gespräche mit Antje Niewisch-Lennartz können aber auch individuell mit ihr vereinbart werden. Die externe Expertengruppe richtet sich explizit auch an aktive oder ehemalige Mitarbeitende des Bistums.

Kann die Gruppe der externen Expertinnen und Experten ohne Einschränkungen arbeiten?

Die externen Expertinnen und Experten sind unabhängig und absolut frei in ihrer Arbeit sowie in der Kommunikation ihrer Ergebnisse. Sie erhalten vom Bistum Hildesheim vollständigen Zugang zu allen Informationen, die sie benötigen.

Was kostet die externe Aufarbeitung?

Die Kosten lassen sich gegenwärtig nicht beziffern, da die Aufarbeitung noch nicht abgeschlossen ist. Das Bistum Hildesheim bezahlt die externen Expertinnen und Experten für ihre wissenschaftliche Tätigkeit. Darüber hinaus finanziert die Diözese bei Bedarf Sachmittel, die das Gremium benötigt, oder stellt Räumlichkeiten zur Verfügung.

Wie viele Akten gibt es, die sich auf die Amtszeit von Bischof Janssen beziehen?

Der Gesamtumfang aller im Bistumsarchiv Hildesheim und in der Registratur vorhandenen Unterlagen für die Amtszeit von Bischof Heinrich Maria Janssen beträgt etwa 2.000 laufende Meter. Für das Aufarbeitungsvorhaben dürften aber nicht alle Unterlagen relevant sein, sondern verschiede-ne Teile aus dem gesamten Umfang für die Jahre von 1957 bis 1982.

Etwa 80 Prozent der Unterlagen, die Janssens Amtszeit betreffen, sind archivisch erschlossen oder teilweise erschlossen, wobei bis auf ganz wenige Ausnahmen alle eine eindeutige Archivkennung haben. Der Umfang der Unterlagen ist in sich sehr verschieden und reicht von einer lediglich ein oder zwei Seiten umfassenden Akte bis hin zu solchen mit 200 oder 300 Blatt. Dies gilt sowohl für Akten, die sich auf Orte oder Kirchengemeinden beziehen, also auch für Personalakten.

Aufbewahrt werden die Unterlagen des Archivs und der Registratur im Archiv am Pfaffenstieg, im Bischöflichen Generalvikariat am Hildesheimer Domhof sowie in den archivischen Außenstellen in Hildesheim, Hannover und Duderstadt. Das Bistumsarchiv hält sowohl am Hildesheimer Domhof entstandene Unterlagen vor wie auch solche aus Pfarreien und weiteren Einrichtungen des Bistums.

Steht das Aufarbeitungsvorhaben in Konkurrenz zur Arbeit der Strafverfolgungsbehörden?

Nein. Aufgabe der Strafverfolgungsbehörden ist es, Einzelvergehen nachzugehen. Anliegen der externen Aufarbeitung im Bistum Hildesheim ist es, Strukturen in den Blick zu nehmen, die möglicherweise dazu beigetragen haben, sexualisierte Gewalt und Machtmissbrauch im Bistum Hildesheim zu ermöglichen, zu begünstigen oder zu decken.

Der für die Aufarbeitung gewählte Zeitraum umfasst die Zeit von Ende der 1950er-Jahre bis Anfang der 1980er-Jahre, liegt also außerhalb der Verjährungsfrist für Sexualstraftaten. Sollten die externen Fachleute Hinweise auf Straftaten erhalten, die nicht verjährt sind, werden sie die Strafverfolgungsbehörden darüber informieren oder das Bistum Hildesheim auffordern, dies zu tun.

Gibt es schon erste Erkenntnisse aus der Arbeit der unabhängigen Fachleute?

Nein. Bisher haben die Fachleute noch keine Ergebnisse ihrer Arbeit öffentlich gemacht. Nach dem 2017 veröffentlichten Gutachten des Instituts für Praxisforschung und Projektberatung (IPP) aus München ist es das zweite Mal, dass das Bistum Hildesheim Verdachtsfälle sexualisierter Gewalt in seinem Verantwortungs-bereich von Gutachtern untersuchen lässt. Das IPP-Gutachten kann online eingesehen und heruntergeladen werden. 

Wie viele Betroffene von sexualisierter Gewalt gibt es im Bistum Hildesheim?

Mit der MHG-Studie wurde festgestellt, dass mind. 156 Personen Opfer von sexualisierter Gewalt durch Geistliche geworden sind. Nach Ansicht von Experten muss von einer hohen Dunkelziffer ausgegangen werden. Der überwiegende Anteil der Meldungen zu Vorwürfen der sexualisierten Gewalt betrifft Vergehen, die in den 1960er- und 1970er-Jahren geschehen sein sollen.

Die meisten dieser Meldungen sind als Folge eines Aufrufs des damaligen Bischofs Norbert Trelle im Jahr 2010 bekannt geworden. Die dokumentierten Fälle sind hinsichtlich der Schwere der mitgeteilten Vergehen sehr unterschiedlich. Sie reichen von Grenzverletzungen bis zu Fällen von schwerem sexuellen Missbrauch.

Wie viele Priester sind beschuldigt?

Nach der MHG-Studie sind 46 Priester des Bistums Hildesheim sind beschuldigt. Von ihnen sind 36 verstorben. Von den zehn lebenden Priestern sind drei noch im aktiven Dienst, einer von ihnen ist aktuell beurlaubt. Das Bistum Hildesheim hat der Staatsanwaltschaft in der Vergangenheit Unterlagen zu allen lebenden Geistlichen zur Prüfung überlassen. Ein Priester (Andreas L. aus Salzgitter, Verurteilung 2012 durch das Landgericht Braunschweig, Entlassung aus dem Priesterstand im Jahr 2013) ist zu einer sechsjährigen Haftstrafe verurteilt worden. Ein weiterer Priester erhielt im Jahr 2009 eine achtmonatige Bewährungsstrafe und eine Geldstrafe.

In zwei Fällen sind strafrechtliche Verfahren gegen Geldauflage eingestellt worden. In den weiteren Fällen sind die Verfahren wegen eingetretener Verjährung oder mangelnden Anfangsverdachts eingestellt worden. Von den zehn lebenden beschuldigten Priestern sind drei noch im aktiven Dienst, einer von ihnen ist aktuell beurlaubt.

Zwei Priestern werden keine Missbrauchsvergehen zur Last gelegt, sondern Grenzverletzungen in der Öffentlichkeit. Sie haben intensive Präventionsschulungen erhalten. Der dritte Priester ist der aktuell beurlaubte Geistliche, auf den sich die Pressemitteilung vom 13. Dezember 2019 bezieht. Die Vorwürfe gegen ihn sind der Staatsanwaltschaft im Rahmen einer Strafanzeige mitgeteilt worden. Laut der zuständigen Staatsanwaltschaft sind die Ermittlungen wegen Verjährung eingestellt worden.

Was tut das Bistum Hildesheim, wenn ein Geistlicher der sexualisierten Gewalt beschuldigt wird?

Liegt ein konkreter Verdachtsfall gegen einen Geistlichen vor, wird der Beschuldigte suspendiert. Außerdem wird eine Strafanzeige gestellt und eine kirchenrechtliche Voruntersuchung durchgeführt, mit der festgestellt werden soll, ob aufgrund der jeweiligen mutmaßlichen Tatbestands-merkmale ein kirchenrechtliches Verfahren eingeleitet werden kann.

Die härtesten kirchlichen Sanktionsmöglichkeiten sind die Entlassung aus dem Klerikerstand (Laisierung) sowie das Verbot, öffentlich Gottesdienste zu feiern und weitere pastorale Auflagen (darunter klare Distanz zu Kindern, Jugendlichen und / oder schutzbefohlenen Erwachsenen).

Gibt es neben Priestern weitere Personen, die der sexualisierten Gewalt beschuldigt worden sind?

Im Bistum Hildesheim gibt es einige wenige Meldungen zu mutmaßlichen Missbrauchsvergehen oder grenzüberschreitendem Verhalten, in denen Kirchenmitglieder, Küster, Organisten, Lehrkräfte oder ehrenamtliche Mitarbeitende als Beschuldigte genannt worden sind.

Etappen der Aufarbeitung