Das bolivianische Schöpfungskreuz

Das Schöpfungkreuz in der St.-Martinus-Schule Himmelsthür. Erzbischof Edmundo Abastoflor aus La Paz (2.v.r.) feierte mit Kindern der Grundschule einen Gottesdienst in der Schöpfungszeit 2017 (01.09. bis 04.10.). Eingeladen hatte die Schulleiterin Heike Betram (2.v.lks.). Zu Gast waren auch Dietmar Müßig (lks.), Leiter der Diözesanstelle Weltkirche und Jürgen Selke-Witzel, Umweltbeauftragter des Bistums Hildesheim (r.).

Seit 2014 erinnert ein besonderes Kreuz aus Bolivien an die Allianz für die Schöpfung, deren Gründung Bischof Norbert in seinem Fastenhirtenbrief angeregt hat. In Erinnerung an den Bund, den Gott nach der Sintflut mit Noah, dessen Nachkommen, allen Lebewesen und der ganzen Erde geschlossen hat, möge ein Bogen über den Ozean hinweg zueinander gespannt werden: „Wir verbinden uns mit unseren Schwestern und Brüdern in Bolivien und verpflichten uns als Kirche von Hildesheim, konsequent einen Weg der Schöpfungsbewahrung zu gehen und uns auch gesellschaftlich dafür stark zu machen“.

Das Schöpfungskreuz symbolisiert diesen Bund. Sein Längsbalken stammt aus dem tropischen Tiefland Boliviens, wo immer mehr Regenwald abgeholzt wird, um in Monokulturen Zuckerrohr für Biosprit oder Soja für die Rindermast anzubauen. Der Querbalken stammt aus einer Mine im Silberberg von Potosí. Wie die Spanier im 17. und 18. Jahrhundert das Silber nach Europa verschifft haben, so gehen auch heute die Bodenschätze Boliviens unverarbeitet in den weltweiten Export. Für die Einwohner unseres Partnerlandes und vor allem die Bergarbeiter bleibt nur das Nötigste zum Überleben. In diesem Sinne symbolisiert das Schöpfungskreuz das Leiden der Menschen und der Schöpfung - in Bolivien und weltweit.

Aus diesem Grund führen wir das bolivianische Kreuz beim Kreuzweg der Schöpfung mit, durch den das Bistum Hildesheim jedes Jahr auf Orte aufmerksam macht, an denen Gottes Schöpfungswerk durch uns Menschen zerstört wird. Gorleben, die Asse, Tiermastfabriken aber auch Industriestandorte wie Wolfsburg geben dabei Anlass, über unseren eigenen Lebensstil und seine Auswirkungen auf unsere Umwelt, den Planeten und die künftigen Generationen von Menschen nachzudenken und unsere Schuld vor Gott zu tragen.

Doch das Kreuz ist auch ein Symbol der Hoffnung. Die christliche Tradition sah es immer auch als Baum des Lebens, ausgehend von der Überzeugung, dass Jesus durch seinen Tod und seine Auferstehung bereits eine neue Schöpfung in Gang gesetzt hat. Wenn Markus zu Beginn seines Evangeliums erzählt, dass Jesus in der Wüste „bei den wilden Tieren lebte“ (Mk 1, 13), dann erinnert er damit an das messianische Reich, in dem laut dem Propheten Jesaja „Kalb und Löwe zusammen weiden und von einem kleinen Knaben gehütet werden“ (Jes 11, 6). Gottes Reich beginnt da, wo Menschen sich um ein Leben in Eintracht mit der Natur bemühen und damit den Willen Gottes erfüllen, der „den Menschen in den Garten von Eden setzte, damit er ihn bebaue und hüte“ (Gen 2, 15). In diesem Sinne beschließt Markus sein Evangelium, indem er Jesus sagen lässt: „Geht hinaus in die ganze Welt, und verkündet das Evangelium allen Ge-schöpfen!“ (Mk 16, 15). Nicht nur dem Menschen gilt also der Gottes Bund – sondern „allen Lebewesen“, mithin dem gottgeschenkten Leben insgesamt (vgl. Gen 9, 8-15).

An diesen umfassenden Bund Gottes erinnert auch das Logo unserer Allianz für die Schöpfung: Es zeigt einen Baum, in dessen Zweige und Wurzeln Menschen hinein verflochten sind. Nur gemeinsam, nur durch vernetztes Denken und Handeln, werden wir Gottes Schöpfung bewahren.

(Dietmar Müßig)